Berlin : Des Märchens neue Kleider

Heima Hasters erzählt beim „1. Berliner Storyteller-Tag“ ihre Satiren

Daniela Martens

Warum ist darauf nicht schon früher jemand gekommen? Zur Staatssanierung werden des Kaisers neue Kleider versteigert. Oder statt Psychotherapeuten werden Märchenhexen engagiert. In Heima Hasters Paralleluniversum treffen Märchen und Fabeln auf die moderne Welt. Die Wahl-Brandenburgerin aus Belzig erfindet Geschichten und erzählt sie – ohne sie aufzuschreiben. Frei trägt sie ihre „Stadthexengeschichten“ und „Finsterfabeln“ in Cafés und Bibliotheken vor. Um ihre Auftritte zu üben, geht die 63-Jährige mit einem Tonband im Wald spazieren. „Ich erzähle meine Ideen gerne zuerst den Bäumen“, sagt Hasters.

Storytelling – das freie Vortragen eigener und überlieferter Geschichten – hat in England und Amerika eine lange Tradition, hier ist es kaum bekannt. Um diese Kunstform bekannter zu machen, hat Hasters den „Berliner Storyteller-Tag“ ins Leben gerufen, der heute anlässlich der „Berliner Märchentage“ zum ersten Mal stattfindet. Hasters und drei weitere Storyteller – Odile Néri-Kaiser, Katharina Ritter und Stefan Kuntz – erzählen im Rumänischen Kulturzentrum in Zehlendorf märchenhafte Geschichten, aber keine Märchen. „Wir wollen nicht mit Märchenerzählern verwechselt werden“, sagt Hasters. Die nämlich lernen überlieferte Geschichten auswendig. Heima Hasters hat das auch ausprobiert. „Das wörtliche Antrainieren ging mir aber gegen den Strich,“ sagt sie.

Inhaltlich orientieren sich ihre Satiren oft an überlieferten Märchen, und doch sind sie ganz anders: „Des Kaisers Neue“ heißt zum Beispiel eine ihrer Geschichten. In Hasters Version des alten Märchens gibt es im Gegensatz zum Original frustrierte Ex-Frauen des Kaisers, Staatsverschuldung und eine überraschende Verwendung für die unsichtbaren Kleider. Und wie in den meisten ihrer Geschichten steht eine liebevolle, mutige Gestalt im Mittelpunkt – die intelligente junge Kaiserin. Auch aktuelle Themen wie Umweltschutz spare sie aus ihren Geschichten nicht aus, sagt Hasters. „Andererseits muss ein Storyteller die Menschen lieben und das Gute in ihnen hervorheben.“

Eine geborene Storytellerin sei sie nicht, obwohl sie und ihre Schwester sich als Kinder jeden Abend unter der Bettdecke selbst ausgedachte Geschichten erzählt haben. Auch ihrer eigenen Tochter hat sie die Welt mit Geschichten erklärt. Als junge Frau hat sie zuerst nur Gedichte geschrieben, dann wechselte sie zu Dramen und Hörspielen, schließlich zu Prosa. „Als Schriftstellerin bin ich irgendwann in einer Sackgasse angekommen.“ Seit zehn Jahren trägt sie Geschichten deshalb nur noch vor – live oder fürs Tonband.

„1. Berliner Storyteller-Tag“, heute von 11 bis 18 Uhr im Rumänischen Kulturzentrum, Königsallee 20 in Zehlendorf. Eintritt: 6 bis 25 Euro. Anmeldung unter Tel. 28093603

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