Berlin : Des Pudels beißender Kern

Zwei Jahre nach Einführung der Hundeverordnung gehen 94 Prozent der Hundebisse auf das Konto von Nicht-Kampfhunden. Immer mehr Dackel sind „vorbestraft“

Stefan Jacobs

Die Dackel in Berlin werden immer aggressiver. Während die Zahl der Kampfhund-Attacken nach Einführung der Hundeverordnung vor gut zwei Jahren von 330 um fast drei Viertel auf 84 gesunken ist, haben Dackel im vergangenen Jahr 38 Mal „Menschen verletzt oder gefahrdrohend angesprungen“ – eine Steigerung gegenüber dem Jahr 2000 um mehr als die Hälfte.

Nun verschweigt die Statistik die höchst unterschiedlichen Folgen der Attacken, so dass die Beißwut der Dackel wohl nicht wirklich beunruhigen muss. Aber sie symbolisiert ein Manko der Berliner Hundeverordnung. Denn die bewertet die Gefährlichkeit von Hunden allein nach deren Rasse. Fünf Rassen dürfen nur noch gehalten werden, wenn ein Gutachter die Unbedenklichkeit von Hund und Halter festgestellt und per grüner Plakette verbrieft hat: Pitbull, Staffordshire Terrier, Bullterrier, Staffordshire Bullterrier und Tosa-Inu. Für weitere sieben – allerdings eher seltene – Rassen gilt Leinen- und Maulkorbzwang ohne extra Prüfung. Resultate der Verordnung: Attacken von Pitbull & Co. sind dank strenger Vorschriften selten geworden. Aber Dobermänner, Schäferhunde und alle anderen, die nicht auf der Liste stehen, beißen munter weiter. „Die an der Rasse festgemachte Gefährlichkeit trifft nach meiner Erfahrung nicht den Kern“, sagt Gabriele Lötsch, stellvertretende Amtstierärztin von Friedrichshain-Kreuzberg. Im Bezirk gebe es 381 gemeldete Hunde, die den fünf gefährlichsten Rassen angehören, also mitsamt ihren Besitzern vom Hunde-TÜV auf Unbedenklichkeit überprüft wurden. „95 Prozent der registrierten Hunde sind als nicht aggressiv eingestuft worden“, sagt die Tierärztin.

Die Grünen haben ausgerechnet, dass „94 Prozent der Hundebisse auf das Konto von Nicht-Kampfhunden“ gehen. Ende August hat die Fraktion deshalb einen Gesetzentwurf ins Abgeordnetenhaus eingebracht, der eine Art Führerschein für Besitzer großer (über 40 Zentimeter bzw. 17 Kilogramm) und „vorbestrafter“ Hunde vorschreibt. Nach Auffassung der Grünen wäre ein solches rasseneutrales Gesetz nicht nur realistischer, sondern auch juristisch solider. Denn die jetzige Berliner Verordnung ähnele der niedersächsischen, die vom Bundesverwaltungsgericht für nichtig erklärt worden ist.

Der Senat sieht dagegen keinen Grund, an der bestehenden Regelung zu rütteln: „Unsere Verordnung ist gerichtsfest und hat sich bewährt, wie die Bisszahlen zeigen“, heißt es in der Gesundheitsverwaltung. Allerdings stehe noch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur „Rasseliste“ von Schleswig-Holstein aus, das auch Berlin betreffen könnte. 5700 der mehr als 100 000 in der Hauptstadt registrierten Hunde stünden auf der Liste. Eine Diskriminierung einzelner Betroffener lasse sich nie ganz vermeiden, aber entscheidend sei, „dass die Leute sich nicht mehr ganz so fahrlässig verhalten, seit sie Sanktionen fürchten müssen.“

Für die Kontrollen sind die Bezirke zuständig. „Wir lassen nichts schleifen“, sagt der Charlottenburg-Wilmersdorfer Stadtrat Bernhard Skrodzki (FDP). „Aber wir haben keine Straßenaufpasser.“ Das Bezirksamt werde aktiv, sobald jemand einen Vorfall melde. Dann wird auch über die mögliche Einziehung des Hundes entschieden.

Eingezogene Hunde landen im Tierheim Falkenberg. Von 240 Hunden stehen 163 auf der Liste der Gefährlichen. Die Hälfte von ihnen musste das Tierheim aus Platzmangel schon in Hundepensionen nach Strausberg und Bayern geben – gegen Bezahlung, versteht sich. Neuankömmlinge gebe es kaum noch, aber die Insassen des Tierheims könnten auch nur selten an neue Besitzer vermittelt werden. „Es scheitert nicht in erster Linie an der Verordnung, sondern daran, dass man mit so einem Hund praktisch keine Wohnung kriegt“, sagt Tierheim-Sprecherin Claudia Pfister. Die Erlaubnis des Vermieters wird vom Tierheim ebenso geprüft wie die persönliche Eignung des Interessenten – damit die Tiere nicht an die gleichen Leute vermittelt werden, denen sie vorher weggenommen wurden. „Auch Mitleid mit dem Tier hilft nicht, wenn man ihm körperlich nicht gewachsen ist.“ Doch auch ungeachtet der strengen Kriterien rennen die Interessenten dem Tierheim nicht gerade die Türen ein. „Im Durchschnitt haben wir die Hunde vielleicht seit einem Jahr hier“, sagt Claudia Pfister. „Aber manche wohnen auch schon seit drei Jahren bei uns.“

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