Berlin : Des Wodkas reine Schwester

Klosterfrau Melissengeist nimmt, wer „unpässlich“ ist – aber wer ist das heute noch? Deutschlands bekanntestes Allheilmittel wird in Berlin produziert. Ein Besuch

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Was für Fragen man denn hätte?

Bevor man im Marienfelder Gewerbegebiet einen Besuch machen darf, sind die Klosterfrauen erst einmal zurückhaltend. Seit 1971 wird hier in weißen Hallen der Melissengeist destilliert, eines von Deutschlands bekanntesten Produkten – und eines der meist belächelten. Wer kennt nicht eine Oma, die sich gern mal einen Schluck genehmigt? Vielleicht ist ja ein Generationenproblem der Grund, warum die Hersteller so scheu sind? Vielleicht aber auch das Pauschalurteil, dass im lukrativen Geschäft mit der Selbstmedikation viele Scharlatane unterwegs sind.

Rainer Jahn, der Geschäftsführer, empfängt im Konferenzsaal. Er trägt einen seriösen Zweiteiler und viel Verschwiegenheit im Gesicht. Klosterfrau ist ein weltweit operierendes Unternehmen, das allein in Deutschland 400 Millionen Euro umsetzt, Marktführer zudem mit seinen Produkten für die Selbstverarztung (darunter auch modernere wie Neoangin) – und trotzdem spricht Jahn am liebsten über Geschichte.

Der Anfang der Firmenhistorie könnte ja auch nicht werbewirksamer sein: Die Gründerin war tatsächlich eine echte Klosterfrau. Maria Clementine Martin hatte im Annunziaten-Kloster in Coesfeld bis 1803 Kranke gepflegt und dort die Rezeptur des Karmelitergeistes gelernt: ein Mittel aus dreizehn Kräutern, dem schon seit dem 17. Jahrhundert die Heilung zahlloser Beschwerden nachgesagt wurde. Nachdem Maria Clementine bei der Schlacht von Waterloo Soldaten beider Seiten versorgt hatte, belohnte der preußische König sie mit einer Jahresrente von 160 Goldtalern. Das war der Grundstein des Unternehmens in Köln.

Rund 20 Millionen Menschen „schenken“ laut Klosterfrau dem Melissengeist „ihr Vertrauen“, besonders gern im Herbst, wenn die Erkältungen kommen. Wie viele Fläschchen sie verkaufen, sagen die Klostermänner aber nicht. An wen, ist schon ein bisschen klarer: Zielgruppe sei die Generation 55 plus, das Einstiegsalter etwa 45, sagt Jahn. Mit dem Alter werde man eben weiser, so erklärt er sich das. Da schlucke man eben nicht mehr nur „Hämmer“, um die Erkältung zu bekämpfen. Zielgruppengerecht spricht Jahn deshalb gern vom „natürlichen Ganzheitstherapeutikum“.

Und Ganzheit ist durchaus wörtlich zu nehmen: Mit Wasser getrunken oder unverdünnt aufgetragen, soll der Melissengeist gegen ein gutes Dutzend Beschwerden helfen, von Wetterfühligkeit über Herzbeschwerden ohne organische Ursache bis zu Appetitlosigkeit. Melissengeist soll eben nehmen, wer sich „unpässlich“ fühlt. „Kennen Sie nicht?“ , fragt Jahn. „Eigentlich fehlt Ihnen nichts, und doch geht’s Ihnen nicht gut".

Der Begriff ist denkbar diffus, und deshalb schlägt diesem und anderen „Möchtegern-Medikamenten“, wie Skeptiker sagen, auch Misstrauen entgegen. Halb spöttisch, halb besorgt machen sie darauf aufmerksam, dass das Destillat immerhin zu 79 Prozent aus Alkohol besteht: Ethanol aus Brandenburger Getreide, gekauft bei der Bundesbranntweinmonopolverwaltung – derselbe, mit dem in Berlin auch Wodka Gorbatschow produziert.

Tut’s ein Schnäpschen dann nicht auch?

Ketzerische Andeutungen pariert der Geschäftsführer allerdings sofort. Ein bis drei Teelöffel soll man nehmen, mehr nicht! Alkohol sei nun mal unverzichtbar, um die ätherischen Öle der Heilpflanzen stabil zu halten. Und dass jemand sich ausgerechnet an seinem unverdünnt ziemlich scheußlichen Produkt berauschen wolle, könne er sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Was er nicht vorrechnet: Drei Teelöffel, egal, ob verdünnt, machen schon ein Schnapsgläschen voll aus – oder auch mehrere Gläschen, bei jenen, die denken, viel hilft viel und rezeptfrei sei ja sowieso ungefährlich.

Studien, die das Unternehmen in den letzten Jahren hat anfertigen lassen, geben ihm aber in einem Punkt Recht. Sie zeigen, dass ätherische Öle aus Melisse & Co tatsächlich wirken. Bei leichten grippalen Infekten zum Beispiel verschwanden Rachenrötungen und Schluckbeschwerden schneller bei Melissengeist-Patienten, als bei denen, die ein ebenfalls hochprozentiges Placebo tranken.

Gilbert Schönfelder, Pharmakologe an der Charité, hält diese Studien für seriös – obwohl, wie er sagt, die Wirkmechanismen von ätherischen Ölen oft noch nicht erklärt werden können. Baldrian zum Beispiel sei in seiner Wirkung unbestritten, der Forschung aber bis heute ein Rätsel. Über die äußerliche Anwendung herrscht anscheinend etwas mehr Klarheit: Im „Handbuch Selbstmedikation“ der Stiftung Warentest heißt es zum Beispiel über das „Klosterfrau Erkältung Medizinal Bad“, die ätherischen Öle regten die Flimmerhärchen in Nasen- und Bronchialschleimhaut an, wodurch die Selbstreinigungskraft der Atemwegen steige.

Grundsätzlich, sagt Schönfelder, sei es nicht falsch, über alternative Heilmittel nachzudenken, die meisten schadeten zumindest nicht. Es sei aber gefährlich, jene zu unterstützen, „die schon immer gewusst haben, dass die Pharma-Industrie nur abzockt und die alten Hausmittel sowieso die besten“ seien.

Am spannendsten ist es bei Klosterfrau im „Drogenlager“, auch weil es da duftet wie auf dem Weihnachtsmarkt. Säckeweise sammelt Manfred Bausemer dort Enzianwurzeln, afrikanischen Ingwer, Nelke und Bitterorange. Bausemer ist Chefdestillator und damit das moderne Klosterfräulein – nur dass er einen Bauch hat, über dem der Kittel spannt, und ein rundes, nettes Gesicht.

Seit 35 Jahren bereitet Bausemer in Metallkesseln aus 700 Kilo Kräutern, Wasser und Alkohol den so genannten „Ansatz“ zu: 17 400 Liter Flüssigkeit. Wissenschaft und Intuition zugleich sei das, sagt er. Was in den Geist gehöre, sei kein Geheimnis, es steht auf jeder Packung, sogar die Mengenangaben. Aber die Qualität der Kräuter, die Art der Destillation, die machten die besondere Wirkung aus.

Bausemer geht durchaus wissenschaftlich vor, mit Stichproben und chemischen Untersuchungen, um den schwankenden Ölgehalt der Pflanzen zu bestimmen. Aber entscheidend ist letztendlich der Geschmackstest – die „organoleptische Prüfung“, wenn er und die Kollegen zusammenstehen und einen neuen Ansatz im Vergleich mit vorherigen kosten. Das ist dann wie ein kleiner Frühschoppen.

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