Berlin : Design-Guerilleros

Grit und Jerszy Seymour machen mit ihrer Kollektion „Tape“ Gewänder für Superhelden

Inge Ahrens

Silberne Klebestreifen zerteilen zackig aneinander gefügt ein mauvefarbenes Shirt. Blitz und Donner! Auf weißem Grund spielen glänzende Streifen verrückt. Rund ums Hemd, wie mit einem dicken schwarzen Marker gezogen: Linien, als imaginäre strukturierende Falten auf zipfeligen Röcken, strukturzeichnend auf weiten und engen Hosen und gepaspelt auf Triangel-Badebikinis. „Tape“ heißt die Kollektion von Grit und Jerszy Seymour und ist ihr erstes gemeinsames Projekt. „Tape“ hat in Paris während der Fashion Week im Herbst letzten Jahres als künstlerisches Event im Palais de Tokyo für Aufsehen gesorgt.

Elastische Bänder halten die modischen Stücke zusammen. „Einfach Bekleidung“ nennt sie Grit Seymour. Sportswear im weitesten Sinne, aus Baumwolle, Lycra und Mikrofaser. Waschmaschinentauglich, salz- und chlorresistent, federleicht und ganz und gar einmalig. Doch „Tape“ ist nicht bloß das Material, sondern das Gewand für den postindustriellen Superhelden.

„Jetzt ist die beste Zeit, etwas Neues zu machen“, findet Grit Seymour. Ein bisschen märchenhaft war das alles schon in den letzten Jahren. 34-jährig hat sie 2000 als erste Designerin für Damenmode im Hause Boss Aufsehen erregt mit einer eleganten, erotischen Kollektion. Die Verbindung mit dem Männermoden-Konzern kündigte sie allerdings recht bald auf und war seither unter anderem beim Pariser Modehaus Daniel Hechter Chefdesignerin. Jerszy galt in Italien, Frankreich und England längst als eine Art Guerillero des Designs.

Sie gehören zusammen, seit sie sich vor zehn Jahren in London trafen: Die in Halle geborene Grit hatte nach ihrem Studium für Modedesign in Berlin-Weißensee und auf der Hochschule der Künste einen der begehrten Plätze auf dem Londoner Royal College of Art ergattert, wo Jerszy Industriedesign studierte. „Ich traf eine Prinzessin“, strahlt er noch ein Jahrzehnt später. Er zog mit ihr von London nach Italien, nach New York, nach Paris und dann nach Mailand.

„Mailand atmet Design, die Atmosphäre ist fantastisch“, sagt er. Auch für „Tape“ waren die Italiener gleich offen. Grit, die sonst Designfirmen in Sachen Mode berät, kommt seitdem zu nichts anderem mehr. „Monate- lang haben wir die Sachen Probe getragen, nur das, nichts anderes.“ Die Prototypen haben sie selbst hergestellt: die überweiten, von der Schulter rutschenden Hemden, die Tops und Minis genauso wie die „Big-Ball-Pants“ für Männer, die Türkenhosen nicht unähnlich sind, aber auch die knackigen Leggings und „Big-Belly“-Shirts.

Auch als Solisten sind die beiden unschlagbar, Grit als Modemacherin und Jerszy als Industriedesigner. Ihr Leben könnte erfunden sein: Grit, die als sehr junge Frau in der DDR politisch unangepasst war und einen Ausreiseantrag stellte. 1988 verließ sie Ost-Berlin gen Westen und machte international Karriere. Und Jerszy, dessen kanadische Mutter als Ballerina in Berlin (seinem Geburtsort) engagiert war, wuchs in London auf und hat ein tolles Händchen für schräges Design.

„Wir sind sehr verschieden. Ich bin sehr lebendig und kontaktfreudig, Grit ist subtiler, sensibler.“ Grit frotzelt. Sie hält ihn für eine Art Sprechmaschine und schweigt erst mal. Auf jeden Fall ist Jerszy ein temperamentvoller Erzähler und der Erfinder eines hintergründigen Designs. Seine limitierten Schöpfungen werden in den besten Galerien von Paris, London oder New York gezeigt. Einer seiner Tische hat einem Besucher des Berliner Vitra-Design-Museums so gut gefallen, dass er ihn mit nach Hause nahm, ohne vorher zu bezahlen.

Ganz in der Nähe, wo Grit als junge Frau ihre Schneiderlehre machte, haben die beiden jetzt ein kleines Loft gemietet. „So schön, die alten Freunde zu sehen“, findet Grit. Und Jerszy? „Immerhin bin ich hier geboren.“ Lebensmittelpunkt des kreativen Paares bleibt dennoch Mailand. In den nächsten Tagen kommt die „Tape“-Sommerkollektion in die Geschäfte. Handverlesen, bei Barney’s in New York beispielsweise oder bei Kuball + Kempe in Hamburg. Die Herbst- und Winterkollektion soll in Mailand in einer stillgelegten Wasserturbinenfabrik gezeigt werden.

Teile der Sommerkollektion „Tape“ gibt es in Berlin im Departmentstore im Quartier 206, Friedrichstraße 71 (Berlin-Mitte). Mo-Fr 10-20 Uhr, Sa 10-18 Uhr.

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