Berlin : Désirée Nosbusch: Sie wäre gerne länger Kind gewesen

Johanna Adorjan

Ein Text über Désirée Nosbusch müsste eigentlich mit der Eurovisions-Fanfare beginnen: Italienische Mutter, Vater aus Luxemburg, in Deutschland ein Fernsehstar, auch in Frankreich sehr bekannt. Moderation des völkerverbindenden Grand Prix Eurovision de la Chanson als Glanzpunkt ihrer Karriere. Und dann sind da noch die fünf Sprachen, die sie fließend spricht: Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Luxemburgisch, und zwar akzentfrei, allesamt.

Heute abend moderiert Désirée Nosbusch die Goldene Kamera und man kann getrost davon ausgehen, dass sie der Veranstaltung einen Hauch von Internationalität verleihen wird. Dafür ist sie bekannt.

Sitzt man Désirée Nosbusch gegenüber, in diesem Fall am Sonntagvormittag in der Lobby des Hotel Adlon, meint man im ersten Augenblick, es müsse sich um eine Verwechslung handeln. Diese junge Frau da in Pullover und karierten Hosen soll DIE Nosbusch sein? Diese zierliche Person, die im Gespräch die Arme schützend um ihren Oberkörper schlingt wie ein junges Mädchen, soll 1984 bereits den Grand Prix moderiert haben? Unmöglich, die müsste doch heute viel älter sein. Désirée Nosbusch ist vor zwei Wochen 36 Jahre alt geworden. Eigentlich ganz schön alt, wie sie findet. Eigentlich ganz schön jung, wenn man bedenkt, dass sie bereits seit 24 Jahren im Geschäft ist.

Als Zwölfjährige begann sie in ihrer Heimat Luxemburg für Radio RTL das deutsche Kinderprogramm zu moderieren. Das Publikum mochte ihre vorwitzige Art, schnell wurde sie fürs Fernsehen entdeckt. Erste eigene Sendungen wie die "Musikbox", mit 16 Jahren die erste Hauptrolle in einem (heute vergessenen) Kinofilm: ein richtiger Kinderstar. "Ich bin vor den Augen der deutschen Nation groß geworden", sagt Nosbusch. "Meine Fehler musste ich in der Öffentlichkeit machen." Schon in jungen Jahren habe sie sich immer ganz genau überlegen müssen, was sie sagt, wann sie was sagt, denn obwohl sie ja gerade als Kind gefeiert wurde, beurteilte man sie doch wie eine Erwachsene. Bisweilen verurteilte man sie auch.

An eine Geschichte erinnert sie sich da ganz besonders, und die soll hier im genauen Wortlaut wiedergegeben werden: "Mit 15 Jahren war ich einmal in eine Sendung eingeladen, eine große Abendsendung, die Joachim Fuchsberger moderierte. Auch zu Gast war eine junge Frau aus Bayern, die Beamtin werden wollte, aber keine Stelle bekam, weil sie zu dick war. Franz Josef Strauß, damals Ministerpräsident in Bayern, wurde per Telefon zugeschaltet und nach seiner Meinung gefragt. Und Strauß sagte, ich weiß es noch wortwörtlich, es sei richtig, das sie keine Stelle bekäme, als junger Mensch müsse man Disziplin üben, sie solle doch abspecken. Joachim Fuchsberger bedankte sich herzlich, das Publikum applaudierte, und ich habe mich dann gemeldet und gesagt: Wie bitte? Was sagt er da? Er ist doch selbst Beamter, und Abspecken täte auch ihm ganz gut. Der ganze Saal war auf einmal mucksmäuschenstill."

Beim SWF gingen daraufhin Morddrohungen an Nosbusch und ihre Familie ein, Bodyguards mussten die 15jährige bei öffentlichen Auftritten schützen, doch waren diese für eine Weile ohnehin selten: "Ein ganzes Jahr lang habe ich kein Bein auf die Erde gekriegt, keinen Job, nichts. Ich hatte Fernsehverbot." Nicht schwer sich vorzustellen, wie belastend es für einen Teenager sein muss, von einem ganzen Land gestraft zu werden. Die Medien, die Nachbarn, die Klassenkameraden. "Das schlimmste war, dass meine Familie mit hineingerissen wurde. Die hat ja keiner gefragt."

Als sie längst schon in Amerika lebte, ihre erste Beziehung zu einem 30 Jahre älteren Mann gescheitert war, hat sie eine Therapie gemacht, hat sich "den ganzen Scheiß" einmal von der Seele geredet: Wie einsam man sich fühlt, wenn die Bild-Zeitung engen Freunden 2000 Mark dafür gibt, etwas aus Nosbuschs Privatleben zu verraten; wie es ist, einen Tag nach seiner Hochzeit die Heiratsurkunde als Faksimile in der BILD-Zeitung abgedruckt zu sehen - und das, obwohl noch nicht einmal die eigene Mutter von der Trauung wusste. Das alles erzählt sie ohne jede Bitterkeit, erzählt es einfach, und klingt nicht anklagend dabei oder um Mitleid heischend. "Es wäre schön gewesen, ich hätte länger Kind sein können", lautet ihr Fazit. "Ich hätte gerne zuerst selbst herausgefunden, ob ich mich liebe, bevor ich mir darüber Gedanken mache, ob andere es tun."

Seit zehn Jahren ist Désirée Nosbusch mit dem österreichischen Filmkomponisten Harald Kloser verheiratet. Mit ihren beiden Kindern - der Sohn ist fünf, die Tochter drei Jahre alt -, leben sie in Los Angeles: eine europäische Familie im kalifornischen Exil. In den deutschen Kinos ist gerade "Feindliche Übernahme" angelaufen, ein Thriller, in dem sie die weibliche Hauptrolle spielt.

Knapp 30 Filme hat sie in den vergangenen 19 Jahren gedreht. Eine andere hätte sich damit längst einen Ruf als hart arbeitende Schauspielerin erarbeitet. Nicht so Nosbusch. Noch immer wird sie, zumindest hierzulande, vor allem mit ihren Gala-Moderationen identifiziert, doch sie scheint auch damit nicht zu hadern: "Mir hat einmal jemand gesagt, ich könne als Schauspielerin nie so gut werden wie ich als Moderatorin sei, das wäre mein Problem. Ich weiß es nicht, ich moderiere einfach, was mir Spaß macht und spiele, was mir Spaß macht und lasse mir da jetzt von niemandem mehr etwas einreden." Bis vor kurzem hat sie noch einmal die Schulbank gedrückt, hat Regie, Drehbuch und Produktion studiert; im April will sie ihren ersten Kurzfilm drehen.

Doch erstmal steht jetzt die Goldene Kamera an. Vor zwei Jahren bekam die Komikerin Anke Engelke bei dieser Veranstaltung den Zuschauerpreis verliehen. Besonders hervorgehoben wurde in der Laudatio ein Interview, das Engelke als Zwölfjährige mit Heinz Rühmann geführt hätte. Ein wenig gefuchst hat das Désirée Nosbusch schon. Denn tatsächlich war sie es, die dieses Interview damals geführt hatte, man hatte die beiden ehemaligen Kinderstars einfach miteinander verwechselt. Désirée Nosbusch hat in ihrer über 20jährigen Karriere noch nie einen Preis bekommen.

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