Berlin : Detlef Block (Geb. 1957)

"Würdest du mich wieder nehmen?"

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Günter G. erinnert sich noch genau an den Morgen im Jahr 1989, an dem er zum ersten Mal am Kopf des Esstisches in dem Obdachlosenheim in der Schlesischen Straße saß und ein Frühstücksgespräch leiten sollte. Einer war da, der ihm Mut machte. Der ihm mit großen blauen Augen väterlich zuzwinkerte: „Ich erklär dir mal, wie ein Alkoholiker funktioniert.“

Es war Detlef Block, Bewohner des vierten Stocks, wo die Trockenen lebten. Er war bei den Sozialarbeitern und den Mitbewohnern, vor allem den weiblichen, beliebt, ihm konnte man alles anvertrauen, er kümmerte sich um die Pflanzen im Hof, sein Gang drückte Stolz und Kraft aus.

Ein halbes Jahr lang hatte Günter G. Zeit, Detlef Block kennenzulernen. Dann verliebte Detlef sich in die Tochter eines Mitbewohners. Die Romanze endete mit einem Rückfall, einer Prügelei und dem Rauswurf aus dem Heim. Günter G. bedauerte den Auszug. Er wusste, dass die Liebe für Detlef die härteste aller Prüfungen war.

Als Detlef fünf war, heiratete seine Mutter einen Mann, der Detlef in dem Maße ablehnte, wie er sein leibliches Kind, das bald geboren wurde, vergötterte. Detlef musste an einem separaten Tisch essen. Die Mutter schützte ihren Sohn nicht. Sie war dem neuen Mann hörig, sein leiblicher Vater dem Alkohol. Als der Stiefvater ihm an seinem siebzehnten Geburtstag den Besuch eines Rockkonzerts verbieten wollte, holte Detlef zu einem Befreiungsschlag aus, der seinen Peiniger ins Krankenhaus beförderte. Und Detlef erhielt lebenslanges Hausverbot.

Mit sich nahm Detlef eine unstillbare Sehnsucht nach Geborgenheit.

Über die folgenden Jahre ist bekannt, dass er eine Ausbildung zum Garten- und Landschaftspfleger machte, aber nie in dem Beruf arbeitete. Dass er als Wachschutzmann vor den Kasernen der Amerikaner Geld verdiente. Dass er sich ab und an heimlich mit seiner Mutter im „Forum Steglitz“ traf.

Während sein Halbbruder eine Karriere als Banker machte, wandte Detlef sich dem Alkohol zu.

Mit Anfang 20 lernte er die Mutter seiner Tochter kennen, eine Trinkerin. Die Beziehung endete, als er die Frau in den Armen eines anderen Mannes fand. Die Tochter war da gerade vier Jahre alt.

Mit seiner kleinen Familie gab Detlef auch sich selbst auf. Wenn er Jahre später mit Günter G. durch Kreuzberg lief, zeigte er auf begrünte Mittelstreifen, auf die der Suff ihn nachts gespült hatte wie einen Schiffbrüchigen. „Hier bin ich mal aufgewacht. Und da auch. Und auf diesem dort auch.“

Das war die Geschichte von Detlef Block, soweit Günter G. sie kannte. Vier Jahre waren seit dem Rausschmiss vergangen. Günter G. arbeitete inzwischen in einer Einrichtung für betreutes Wohnen in Wedding, als dort das Telefon klingelte: „Kennst du mich noch?“ – „Detlef?“ – „Würdest du mich wieder aufnehmen?“ – „Klar.“

1998 kam Detlef nach einer Reihe mehrerer körperlicher und seelischer Zusammenbrüche in die Bonhoeffer-Klinik. Dort begegnete er einer russischen Ärztin, mit deren Hilfe er seine Alkoholsucht überwand und den Umzug in seine erste eigene Wohnung wagte.

Günter G. schaute weiterhin bei ihm vorbei, teilte das Geld für ihn ein, nahm ihn mit auf Ausflüge und Wanderungen. „Du machst das doch nur, weil du dafür bezahlt wirst.“ Obwohl er wusste, dass Günter G. kein Geld dafür bekam, mochte Detlef Block nicht glauben, dass jemand sich ihm aus freien Stücken zuwandte.

Ähnlich reagierte er, als 2003 seine Tochter bei ihm klingelte, inzwischen eine Frau von 21 Jahren. Ihr öffnete ein Mann mit langen, fettigen Haaren und misstrauischer Miene. Sie stellte sich vor. Detlef verlangte, ihren Personalausweis zu sehen.

Gut, das war seine Tochter – aber hatte sie die Mutter geschickt, um Geld zu kassieren? Erst als sie das verneinte, schickte Detlef die Nachbarin, die gerade an seinem Küchentisch saß, fort und bat die Tochter herein.

In den folgenden Monaten war er selig. Und die Tochter war froh, in der verwahrlosten Gestalt einen liebenswerten Menschen zu wissen. Doch mit dem Glück wuchs Detlefs Angst, das Mädchen erneut zu verlieren. Er begann sie zu bevormunden, wollte nachholen, was er in den Jahren ihrer Kindheit versäumt hatte. In ihm wuchs die Eifersucht auf ihren Ehemann, einen Türken. Als Detlef begann, ausländerfeindliche Texte von den „Böhsen Onkelz“ zu rezitieren, brach die Tochter den Kontakt ab.

Und nun begann Detlef, den Günther G. immer so für seine Ehrlichkeit geschätzt hatte, zu lügen. Er behauptete, der Tochter ein neues Fahrrad gekauft zu haben. Auch habe er ihr eine schöne Wohnung besorgt. In seinem Portemonnaie trug er ein Foto von ihr, das er oft und gerne herzeigte. Sieben Jahre lang log er Günther G. und sich selber eine harmonische Vater-Tochter-Beziehung vor.

Oder nahm er auf verborgene Weise doch Teil am Leben seiner Tochter? Hatte er den Kontakt gehalten, ohne dass sie davon wusste? Wenige Wochen vor seinem Tod erzählte er, dass er ihr gerade beim Renovieren helfe. Genau zu diesem Zeitpunkt war sie tatsächlich am Renovieren. Ob er sie beobachtete oder ob er jemanden kannte, der ihm Auskunft gab, wird sich nicht mehr herausfinden lassen.

Nachdem Detlef sich lange nicht gemeldet hatte, beschloss Günther G., bei ihm zu klingeln. Als niemand öffnete, rief er die Feuerwehr. Die Untersuchungen ergaben, dass Detlef Block einen natürlichen Tod gestorben war. Sein Herz war zu schwach.

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