Berlin : Detlef Plümer (Geb. 1963)

"Ick kann doch keen' Menschen erschießen!"

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Französische Verteidigung. Die Bauernkette schützend vor dem Königspaar. Das Risiko des gegnerischen Übergriffs gebannt. Den Plümer zu schlagen, ist schwierig. Ein ausgewogener Spieler, sagen die Schachfreunde, immer bestens vorbereitet auf die Finessen seiner Gegner. Wenn es schlecht läuft, rettet er die Seinen ins Remis. Läuft es gut, richtet Plümer den Oberkörper auf, demonstriert Machtfülle und genießt schweigend das langsame Dahinsiechen der gegnerischen Reihen.

Die Liebe zum Schach kam vom Onkel. Als der das Verlieren leid wurde, ging Detlef zum Schachclub Kreuzberg und spielte nächtelang mit älteren Zigarre schmauchenden Herren. In den vergangenen Jahren wechselte er mehrmals den Verein. Wegen kleinerer Reibereien mit einzelnen Spielern. Detlef nahm so was persönlicher als andere und zog irgendwann die Konsequenz. Zuletzt spielte er für den SV Greifswald in der Oberliga.

Plümer, ein Nachname, der auch zum Vornamen taugt. Dabei so selten. Plümer wurde zur Instanz im Tagesspiegel, für den er 26 Jahre arbeitete, zuletzt verantwortlich für die Seite mit den Leserbriefen und viele Jahre als Korrektor. Texte las er wie eine Schachpartie. Gab es eine Fehlstellung, einen versteckten Fallstrick im Gefüge der Worte, fiel es ihm mit Sicherheit auf. Dann rief er an, meldete sich mit seiner tiefen Stimme – „Plümer hier“ – und fragte dezent, ob denn das, was geschrieben stand, auch so gedacht war.

Im Politischen verfügte Plümer über ein annähernd lexikalisches Gedächtnis. Auch im Fußballerischen hatte sein Wort Gewicht. Beim Bundesliga-Tippspiel des Tagesspiegels erreichte er regelmäßig vordere Plätze.

Als Kind war Detlef ein Schlaks mit warmherzigen Augen. Er trug kurze grüne Lederhosen, eine Mode, deren Verbreitung in den sechziger Jahren bis weit in den Norden reichte. Für fünf Geschwister und Halbgeschwister war er als Stubenältester verantwortlich, etwa beim verbotenen Fernsehgucken, wenn Mutter und Stiefvater auswärts weilten. Detlef bestimmte, wer am Fenster Schmiere stehen musste. Und er organisierte die gerechte Verteilung der Süßigkeiten.

In der Schule fiel ihm alles leicht. Anstrengungslos stellte er sich auch seinen weiteren Werdegang vor, zumal er keine konkreten Wünsche äußerte. Je näher das Abitur rückte, desto geringer wurde die Vorfreude, endlich etwas Vorzeigbares in der Tasche zu haben. Vorzeigen, was er so alles konnte, war gar nicht seine Art. Er ließ die krausen Haare wachsen, wurde volljährig und schmiss die Schule. Seine erzürnten Eltern wollten nun wissen, wovon er künftig zu leben gedenke. Detlef stöhnte. Euch geht’s ja nur ums Geld.

Zur Polizei könnte er ja gehen. Warum nicht? Die brauchen gute Strategen. Die theoretische Prüfung ist für Detlef ein Klacks. Aber die Haare! Junge, du musst zum Frisör! – Ach was, die sollen mich nehmen, wie ich bin. Und das machen sie auch. Also ab zur Polizeischule nach Spandau. Als Detlef das Gebäude nach dem ersten Schultag wieder verlässt, hat er sich gegen die Gesetzeshüterei entschieden: Ick kann doch keen’ Menschen erschießen!

Die Bewag ist auch ein großer Betrieb, der immer Nachwuchs braucht. Dann eben zur Bewag, denkt sich Detlef. Eine Lehre als Datenverarbeitungskaufmann. Das wird aber mit der Zeit schrecklich langweilig, also sucht er sich noch mal was Neues. Beim Tagesspiegel würden sie einen kühlen Analytiker gewiss brauchen.

Aber ohne Abitur? Detlef Plümer merkt, dass er einen strategischen Fehler gemacht hat. Und geht aufs Abendgymnasium und holt die Sache nach.

Er mag es nicht, wenn man ihn fotografiert. Das Album mit Detlef-Ansichten, das seine Mutter ihm schenken will, schlägt er aus. Zu viele Äußerlichkeiten. Zu viel Bauchumfang. Aus dem Schlaks von früher ist ein mächtiger Bär geworden. Plümi nennen ihn einige. Bevor ihn jemand, der über deutlich weniger Gewicht verfügt, wohlmeinend auf seine Maße und mögliche Gefahren ansprechen kann, kontert er: Du solltest mal abnehmen!

Alle verstehen das Signal.

Der Silvesterabend steht bevor. Plümer laboriert schon seit Tagen mit einer Bronchitis. Das Einkaufen für den letzten Abend des Jahres lässt sich nicht länger aufschieben. Er macht sich auf den Weg. Unterwegs bricht er zusammen. Thomas Loy

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