• Deutlich weniger Schüler sind 2004 sitzen geblieben Rückgang um zwanzig Prozent aufgrund des neuen Schulgesetzes, das mehr Förderung vorsieht

Berlin : Deutlich weniger Schüler sind 2004 sitzen geblieben Rückgang um zwanzig Prozent aufgrund des neuen Schulgesetzes, das mehr Förderung vorsieht

Susanne Vieth-Entus

Das neue Schulgesetz zeigt Wirkung: Die Zahl der Sitzenbleiber ist im vergangenen Schuljahr drastisch gesunken und zwar um über 3000 Schüler gegenüber den Vorjahren. Dies bedeutet, dass statt 15 000 nur 12 000 die Klasse wiederholen mussten, was einem Rückgang um rund 20 Prozent entspricht. Dies teilte die Bildungsverwaltung auf Anfrage mit.

Der Rückgang ist in allen Schularten erfolgt, besonders prägnant aber in den Hauptschulen: Hier blieben statt 16,3 Prozent (2002/03) 12,9 Prozent sitzen. Insgesamt sank die Zahl der Wiederholer im Schnitt auf vier Prozent.

Ausgelöst wurde dieser Trend offenbar vom neuen Schulgesetz: Es schreibt vor, dass Schulen sich gezielter als bisher um „Wackelkandidaten“ bemühen sollen, indem sie individuelle Förder- und Bildungspläne erstellen. Flankierend müssen die Lehrer im Gespräch mit Schülern und Eltern klären, wie der Schüler doch versetzt werden kann.

„Die Förderpläne helfen dann, wenn es bei dem jeweiligen Schüler an der Einstellung liegt“, hat Wolfgang Harnischfeger, Leiter der Lankwitzer Beethoven-Gymnasiums, beobachtet. Durch die Gespräche, die rund um die Förderpläne geführt würden, gelinge es offenbar, die Betroffenen wachzurütteln und ihnen Mut zu machen. An seiner Schule sank die Sitzenbleiberquote von 2,9 auf 1,1 Prozent.

Zudem habe die Pisa-Diskussion Einfluss auf die Lehrer gehabt, meint Karl Pentzliehn, der die Marienfelder Gustav-Heinemann-Gesamtschule leitet. Denn die Pisa-Forscher hatten immer wieder betont, dass das Sitzenbleiben nichts bringe: Nach einem Jahr seien die meisten Schüler wieder genau dort, wo sie vorher waren: bei den Klassenschlechtesten. Zudem wiesen sie darauf hin, dass die Pisa-Siegerländer sehr gut ohne hohe Wiederholerquoten zurechtkommen.

Auch Landesschulrat Hansjürgen Pokall glaubt, dass die Pisa-Debatte einiges bewirkt hat. Zudem hätten die Schulen Fortschritte bei der individuellen Förderung gemacht. Landeselternsprecher André Schindler kennt allerdings auch andere Beispiele. Er weiß von Schulen, die Förderpläne nur auf dem Papier erstellt und sich nicht weiter gekümmert hätten. In einigen Fällen hätten Eltern daraufhin versucht, die Versetzung ihrer Kinder gerichtlich durchzusetzen.

Allerdings stehen die Chancen auf dem Rechtsweg nicht so gut. Wie berichtet, hatte das Berliner Verwaltungsgericht im September eine Klage auf nachträgliche Versetzung mit der Begründung abgewiesen, dass das Schulgesetz „keine einklagbaren Ansprüche der Schüler schaffen wollte“. Dies gelte auch für den Fall, dass die Schule nicht den im Gesetz vorgeschriebenen Bildungsplan erstellt habe.

Diese einzelnen juristischen Rückschläge entmutigen die Bildungsfachleute allerdings nicht. Wichtig sei, dass unterm Strich eine deutliche Senkung der Sitzenbleiberzahlen erreicht wurde: Dies sei eine „gute Nachricht zu Weihnachten“, findet Erziehungswissenschaftler und FU-Präsident Dieter Lenzen, der Bildungssenator Klaus Böger (SPD) ausdrücklich für diesen Erfolg lobt.

Im nächsten Jahr könnte sich die positive Tendenz noch verstärken. Denn inzwischen haben die Lehrer erste Erfahrungen mit den zusätzlichen Fördermaßnahmen und Bildungsplänen gesammelt. Zurückgewiesen wird von den Schulen die „Unterstellung“, man habe schlechte Schüler einfach so durchkommen lassen, um mit geringeren Sitzenbleiberzahlen die öffentliche Erwartung zu erfüllen.

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