Berlin : Deutsch lernen in der nullten Stunde

„Stark gemacht“ (Folge 2) : Die Kreuzberger Reinhardswald-Grundschule hat ihren Schülern schon vor Unterrichtsbeginn etwas zu bieten

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Von Jeannette Goddar

Schulen machen sich fit für die Zukunft – und der Tagesspiegel ist dabei. Nach dem schlechten Abschneiden bei Pisa stellen wir Schulen vor, die Eigeniniative und Kreativität groß schreiben und erste Erfolge vorzeigen können. Im zweiten Teil unserer Serie widmen wir uns einer Grundschule, die sich schon seit Jahren besonders intensiv um Lesefertigkeit und Ganztagsbetreuung kümmert.

Die Schule: Es ist 9.55 Uhr – und der Lärm auf dem Schulhof dürfte die letzten schlafenden Kreuzberger nördlich der Gneisenaustraße spielend aufwecken. 750 Erst- bis Sechstklässler toben auf dem Gelände. Die Reinhardswald-Grundschule ist aber nicht nur eine der größten, sondern auch eine der multikulturellsten im Kiez. 40 Prozent der Schüler stammen aus Migrantenfamilien. Allerdings, und das macht ihre Lage etwas einfacher als die mancher Nachbarschulen: Die Kinder stammen aus 29 verschiedenen Ländern. Nur 14 Prozent kommen aus der Türkei. Damit ist die Umgangssprache auch auf dem Schulhof Deutsch, nicht türkisch. Ansonsten ist die 1976 gegründete Schule ein klassischer West-Plattenbau seiner Zeit.

Der Einzugsbereich reicht zwischen Südstern und Zossener Straße von der Gneisenaustraße bis zum Landwehrkanal. Zusätzlich aufgenommen werden wegen der großen Nachfrage in der Regel nur Geschwisterkinder. Schon seit Anfang der 80er Jahre gibt es Ganztagsbetreuung von 6 bis 18 Uhr. Außerdem ist die Schule Integrationsschule und hat Montessori-Klassen. Seit 1999 beginnt der Englisch- oder Französisch-Unterricht in der dritten Klasse.

Das Besondere: Schon lange vor Pisa hat man sich hier um Kinder gekümmert, die zu Hause kaum lesen und auch darüberhinaus wenig lernen. „Bei manchen hat man wirklich das Gefühl, sie hätten fünf Jahre lang vor dem Fernseher gesessen“, sagt Schulleiter Werner Munk. Um aufzuholen, was versäumt wurde, wird ununterbrochen an der individuellen Förderung gearbeitet. Viermal pro Woche gibt es in der nullten Stunde von 7 bis 8 Uhr Zusatz-Unterricht in Deutsch, Lesen, Schreiben oder Mathe für alle, die es nötig haben. In nahezu jeder zweiten Stunde des normalen Unterrichts sind zwei Lehrer für die Schüler da. Entweder unterrichten sie im Team oder sie teilen die Klasse. In den fünften und sechsten Klassen wird nach Leistung in zwei bis drei Gruppen differenziert.

Frontalunterricht, sagt Munk, gäbe es kaum. „Damit würde man hier auch keinem Schüler gerecht.“ Im Idealfall, sagt der Schulleiter, gelinge es, die Kinder in die Lage zu versetzen, sich selbst etwas beizubringen. Lernstrategien seien deshalb auf jeden Fall das A und O.

Dass soviel Teilungsunterricht möglich ist, wurde an der Schule mit großen Klassen quasi „erkauft“ – sie sind mindestens 30 Schüler stark. Außerdem gibt es engagierte Kollegen, die sich in allem fortbilden, was man so braucht – ob Theaterpädagogik, Anti-Gewalttraining oder Deutsch als Zweitsprache. „Eine Schule kann nicht alles wettmachen“, sagt er, „aber in sechs Jahren kann man eine Menge erreichen, wenn man es nur will!“

Nicht zuletzt widmet man sich seit Jahren einem klassischen Defizit, das durch Pisa richtig ins allgemeine Bewusstsein gerückt ist: „Lesen ist eine absolute Schlüsselkompetenz – und wenn es sonst niemand tut, müssen eben wir ran. „Wer als Lehrer zu uns kommt, weiß, dass hier geackert wird“, sagt er. Und: „Eigentlich ist die Belastungsgrenze längst erreicht. Aber der Erfolg bestätigt uns." 40 Prozent der Kinder verließen die Schule dieses Jahr mit einer Empfehlung für das Gymnasium, 30 Prozent mit einer Realschul- und 20 Prozent mit einer Hauptschulempfehlung.

Schüler und Eltern: Ramona Schmalbein hat „gekämpft wie eine Löwin“, damit ihr Sohn hier vor drei Jahren einen Platz bekam. Und bis heute hat sie es nicht bereut. „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es eine Schule gibt, in der von der Putzfrau bis zum Schulleiter alle offen für die Probleme der Schüler sind“, sagt sie. Auf jedes Kund werde individuell eingegangen. Der achtjährigen Celina gefällt vor allem, dass im Untericht frei gearbeitet wird: „Das ist schöner als immer nur zuhören…“

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