Berlin : Deutsch-Prüfung beim Plüschbären

Nicht bei allen Kindern hapert es mit der Sprache. In Berlin machten die Schulanfänger jetzt spielerische Tests

Jörg-Peter Rau

„Bruno“, sagt Falk. Also heißt der Plüschbär jetzt eben Bruno. Und die grüne kleine Kiste, in der Bruno liegt, soll sein Bett sein. „Abgemacht?“, fragt Brigitte Hoffmann. Falk nickt, es kann losgehen. Nächstes Jahr kommt er in die erste Klasse der Grundschule am Rüdesheimer Platz, und heute ist er schon mal da und zeigt, was er in Deutsch drauf hat. Falk soll den Bären unter das Bett legen, und der Sechsjährige hebt vorsichtig das Kistchen an, legt es Bruno auf den Bauch. Lehrerin Brigitte Hoffmann nickt zufrieden, der „Bärenstark“-Sprachtest läuft gut. Fast überall bekommt Falk die volle Punktzahl, die halbe Stunde vergeht wie im Fluge.

Die Szene mit dem Bären und dem Bett hat sich in den letzten Wochen in Berlin zigtausendfach wiederholt – allerdings nicht immer so problemlos wie bei Falk. Auf ihre Sprachkenntnisse sind in den vergangenen Wochen erstmals alle rund 25 000 Kinder überprüft worden, die nach den Sommerferien in die erste Klasse eingeschult werden. Sie mussten Unterschiede auf Bildpaaren benennen, Körperteile an sich selbst oder einem Plüschbären zeigen oder Szenen im Schwimmbad beschreiben. Nicht alle kamen dabei so gut zurecht wie Joana. Sie sagt: „Das Mädchen geht aus dem Wasser heraus.“ Das ist perfekt – die Grammatik stimmt, die Antwort ist nicht zu simpel. So geht das weiter, und ganz nebenbei beweist die Sechsjährige auch noch, dass sie sich mühelos eine halbe Stunde lang konzentrieren kann.

Bei vielen anderen fehlt es an der Konzentration, am Wortschatz oder an der Grammatik oder an all diesen Dingen. An manchen Schulen kannte kaum eines der getesteten Kinder das Wort „Seehund“ oder „Aquarium“. Der Bär lag „bei die Tisch“, im Vorgespräch konnte das Kind kaum sagen, wie alt es ist. Die Ergebnisse des vergangenen Jahres lassen vermuten, wo die Probleme in besonderem Maße liegen: in Innenstadtbezirken mit hohem Ausländeranteil. Vor einem Jahr waren dort fast 10 000 Kinder überprüft worden, nur jedes Dritte war auf dem Niveau eines durchschnittlichen Schulanfängers. Bei den Migrantenkindern war das Ergebnis noch deutlicher: Nur 10,8 Prozent von ihnen kommen ohne Zusatz-Förderung aus.

Der Test vor einem Jahr hatte nach einem Bericht der Senatsschulverwaltung auch gezeigt, dass es auch innerhalb der Bezirke große Unterschiede gibt. „Vor allem die Regionen Neukölln-Nord, Wedding und Kreuzberg sind als hoch belastet anzusehen“, heißt es in dem Papier wörtlich. Weil dort auch deutsche Kinder oft sehr schlecht abgeschnitten haben, soll die Erhebung in diesem Jahr klären, inwieweit ein wesentliches Ergebnis der Pisa-Studie schon im Vorschulalter zu beobachten ist: Der soziale Status der Eltern, der sich oft genug schon in der Adresse äußert, ist möglicherweise bereits vor der Einschulung entscheidend für die mitgebrachten Fähigkeiten und damit die Bildungschancen eines Kindes.

Die guten Ergebnisse wie die aus Wilmersdorf – in der Grundschule am Rüdesheimer Platz erreichen nicht nur Falk und Joana, sondern auch viele andere Kinder 90 und mehr von 100 möglichen Punkten – sind dabei genauso von Bedeutung wie die schlechten aus Neukölln. Immerhin soll „Bärenstark“ dazu dienen, Kindern von der ersten Klasse an Sprachförderung zu bieten, wenn sich Bedarf zeigt. Noch haben die Schulen ihre Statistiken nicht abgeschlossen und an die Schulverwaltung weitergeleitet. Und ein Ergebnis für ganz Berlin oder bestimmte Gebiete ist vor März kaum zu erwarten. Mit einem markanten Gefälle zwischen armen und reichen Wohngebieten ist allerdings zu rechnen. Wofür es nach den Worten von Lehrerin Brigitte Hoffmann gar keinen Grund geben dürfte. „Alle Eltern können sich Mühe geben, mit ihren Kindern zu sprechen und ihnen so neue Erfahrungen ermöglichen“, findet sie. „Mit Geld hat das eigentlich gar nichts zu tun.“

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