Berlin : Deutsch ungenügend – und dann noch Englisch lernen?

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In Berlins Grundschulen regt sich Widerstand gegen das Vorziehen des Fremdsprachenunterrichts in die dritte Klasse. Inbesondere in Schulen mit hoher Ausländerrate fragen sich viele Lehrer, wie sie den Schülern neben Deutsch noch Englisch oder Französisch vermitteln sollen. Auch FU-Vizepräsident und Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen lehnt das Vorhaben kategorisch ab. Rund 35 Prozent der Berliner Drittklässler hätten „keine Chance“, zu profitieren, weil sie entweder kein Deutsch könnten oder lernbehindert seien. Zudem gebe es für den fremdsprachlichen Frühbeginn noch überhaupt keine Lehrerausbildung.

„Das Vorhaben ist ein Schnellschuss“, steht für Lenzen fest. Seines Erachtens reicht es auch nicht aus, fachfremde Lehrer in Fortbildungen zu schicken. Da der Unterricht zunächst rein mündlich ablaufe, sei es umso verhängnisvoller, wenn „radebrechende“ Lehrer die phonologischen Grundlagen schaffen sollten. Er fordert, zunächst eine adäquate Lehrerausbildung zu schaffen, bevor ein derartiges Angebot flächendeckend in allen 480 Grundschulen verankert werde.

Lenzen befürchtet, dass es zu „Sprachverwechslungen“ kommt, wenn Kinder, die des Deutschen noch nicht richtig mächtig sind, so früh mit einer weiteren Fremdsprache konfrontiert werden. Außerdem fehlten auch bei rund 15 Prozent der deutschen Kinder die Voraussetzungen für einen frühen Fremdsprachenerwerb, weil sie mit dem Lesen oder Schreiben große Probleme hätten. Angesichts dieser Ausgangslage steht für den Erziehungswissenschaftler in Sachen „Frühenglisch“ fest: „Ich hätte es nicht gemacht“.

Auch beim Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht man diesen Teil der Grundschulreform mit Sorge. „Die ausländischen Kinder können ihre Muttersprache und das Deutsche nicht richtig. Wie sollen sie da eine weitere Sprache lernen?“, fragte die sichtlich aufgebrachte Neuköllner Lehrerin Heidrun Quandt auf dem jüngsten VBE- Vertretertag. Man solle die zusätzlichen Stunden lieber für den Deutschunterricht verwenden, lautet ihr Vorschlag. Für die VBE-Vorsitzende Annette Kunsch gehört das Projekt „Frühbeginn“ zu den vielen Reformen, die die Politik über die Köpfe der Beteiligten hinweg beschlossen habe.

Auch die Leiterin der reformfreudigen Fläming-Grundschule in Schöneberg hegt Bedenken gegen das Vorhaben. Da es nicht möglich sei, mit 26 Drittklässlern Englisch zu reden, müssten die Klassen geteilt werden. Die dafür notwendigen Personalressourcen gingen aber den Teilungsstunden im Deutschunterricht verloren, warnt Elke Hübner. Sie hat es aber immerhin geschafft, genügend Fachlehrer an Bord zu holen, indem sie sich gezielt um Englischreferendare bemühte. Dies aber ist längst nicht allen Schulen geglückt. „Wir haben keine personelle Basis für Frühenglisch“, konstatiert etwa Gerd-Jürgen Busack von der Kreuzberger Nürtingen-Schule, an der rund 80 Prozent der Kinder nichtdeutscher Herkunft sind.

Die Senatsbildungsverwaltung will dennoch an ihrem Vorhaben festhalten. Man verweist auf die Fortbildungen, an denen bereits 1500 Pädagogen berufsbegleitend teilnahmen: Zwei Jahre lang haben sie alle sechs Wochen einen vierstündigen Kurs besucht. Die zuständige Schulrätin Renate Lautenschläger sieht auch in Klassen mit hohem Ausländeranteil kein Problem in Sachen „Fremdsprache ab Klasse 3“. Ausländische Kinder hätten es sogar leichter als deutsche Schüler, „weil sie schon Erfahrung mit dem Erlernen einer Fremdsprache haben“, glaubt die Schulrätin. Dagegen empfiehlt die PDS-Schulpolitikerin Sieglinde Schaub, das Thema „nochmal zu diskutieren“. sve

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