Deutsche Ärztin in Pakistan : Von Marzahn nach Lahore

Karola Groch zog es von Berlin nach Lahore. Zehn Jahre lang hat die Ärztin dort medizinische Helferinnen ausgebildet. Eindrücke aus dem bitterarmen Land schildert die Biesdorferin in einem Buch. Der „Senior Experten Service“ sucht Kräfte wie sie.

Martin Niewendick
Ärztin im Einsatz. Karola Groch zu Hause – und in Pakistan. Foto: Davids/Darmer, privat
Ärztin im Einsatz. Karola Groch zu Hause – und in Pakistan. Foto: Davids/Darmer, privatFoto: DAVIDS

Vorsichtig öffnet Karola Groch das schwarze Etui und hält einen Moment inne. Sie ist eine bescheidene Frau, aber dennoch ein bisschen stolz auf die Ehrung. Es ist das Bundesverdienstkreuz, das ihr der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler vor fünf Jahren verliehen hatte, für ihren humanitären Einsatz in Pakistan. Jetzt sitzt die 78-Jährige in ihrem Wohnzimmer in Berlin-Biesdorf, hält das goldene Kreuz in ihren Händen und kramt in ihren Erinnerungen. Karola Groch hat sie in einem Buch aufgeschrieben, es heißt: „Erlebnis Pakistan: Als Ärztin in einem geheimnisvollen Land“.

Sie erlebte „Eselskarren, die gebrannte Lehmziegel durch den Staub transportieren, Kamele, die mit erhobenem Haupt ihre Lastkarren ziehen, dazwischen alte, bärtige Männer mit langen weißen Hemden und einem Turban auf dem Haupt – aber barfuß.“ So beschreibt sie Lahore, zweitgrößte Stadt Pakistans. Zehn Jahre lang war die 78-jährige pensionierte Ärztin in pakistanischen Dörfern tätig. Im Auftrag der Organisation „Senior Experten Service“ (SES) arbeitete sie vor allem im Dorf Thatta Ghulamka Dhiroka.

Der SES ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die Menschen im Ruhestand die Möglichkeit gibt, ihre Erfahrungen und Kenntnisse im In- und Ausland an andere weiterzugeben. Interessierte bekommen die Aufgabe, bei der Aus- und Weiterbildung von Menschen zu helfen, aber auch Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Inzwischen sind über 10 000 „Senior Experten“ im aktiven Ruhestand tätig. Diese engagieren sich vorwiegend in kleinen und mittleren Einrichtungen, aber auch im Gesundheitswesen. So wie Karola Groch.

Tuberkulose, Hepatitis, Malaria

Ihr Einsatzgebiet ist ein Dorf in Punjab, der bevölkerungsreichsten Provinz Pakistans. Dort half sie maßgeblich bei dem Aufbau einer Gesundheitsstation und der Ausbildung medizinischer Helferinnen. Ihre Reise ins Unbekannte beginnt 1999. „Die Situation dort war katastrophal, wie bei uns vor 200 Jahren“, sagt sie. Vom Zähneputzen bis zum Toilettengang habe sie alles erklären müssen, wie man sich hygienischer verhalten und der Übertragung von Bakterien vorbeugen könne. „Die gängigsten Krankheiten vor Ort waren Tuberkulose, Hepatitis, Malaria und Wurmerkrankungen.“ Da sie mit ihrer deutschen Zulassung in Pakistan nicht als Ärztin behandeln darf, konzentrierte sich Groch auf die Ausbildung des Nachwuchses. Sieben Frauen standen fortan unter ihrer Obhut und lernten von ihr.

Karola Groch im Einsatz.
Karola Groch im Einsatz.Foto: Privat

Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Die Kultur, die Religion und nicht zuletzt die Sprache waren ihr fremd – es war aber alles auch aufregend. „Ich habe mich auch äußerlich der islamischen Kultur gebeugt“, erzählt sie heute, „damit keiner denkt, ich sei Missionarin.“ Karola Groch ist eine echte Ost-Berlinerin. Sie ist in Biesdorf im Bezirk Marzahn-Hellersdorf geboren und aufgewachsen, ihr beschauliches Haus hat sie von ihren Eltern übernommen. Noch heute lebt sie dort mit ihrem Mann, der ebenfalls als Arzt gearbeitet hat. Von 1971 bis 1999 war sie Hausärztin in Lichtenberg. In der DDR war sie als Ärztin beim Staat angestellt. Dann wurde es schwierig. „Ich gehöre nicht zu denen, die bei der Wende gejubelt haben“, sagt sie. Sie erhielt eine Kündigung, wurde nach einigem Tauziehen aber wieder eingestellt. Überhaupt hat sie für die DDR viele warme Worte übrig. Das Gesundheitssystem, die Jugendarbeit, all das sei doch besser gewesen als im Westen, so sieht sie das.

SED-Mitglied war sie nicht, dafür aber in der Kirche. „Wir konnten unsere Meinung sagen“, sagt sie heute. Freilich, räumt sie ein, Probleme habe es auch gegeben, nicht zuletzt mit der Integration ausländischer Gastarbeiter aus den sozialistischen Bruderstaaten. Vor allem die in viel zu kleine Unterkünfte gesteckten Vietnamesen hätten ihr leidgetan. „Das waren nicht so würdige Lebensbedingungen“, sagt Karola Groch.

Vorurteile abbauen, Verständnis schaffen

Heute, im lange wiedervereinigten Deutschland, ärgert sie sich über die Behandlung von Flüchtlingen. Auch deshalb hat sie das Buch über ihre Erlebnisse in Pakistan verfasst. „Ich möchte Verständnis für die Menschen schaffen, die aus elenden Verhältnissen zu uns kommen.“ Sie wolle helfen, Vorurteile abzubauen und Verständnis für die Not der Menschen zu schaffen. „Wir müssen einen Weg finden, miteinander auszukommen.“ Viele Deutsche könnten sich die Lebensrealität von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht vorstellen. Karola Groch kennt sie aus erster Hand. Ein Erlebnis ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben.

Einmal habe sie ein Krankenhaus in einem pakistanischen Dorf besucht. Ein dort praktizierender Arzt wollte ihr etwas zeigen und ging mit ihr nach draußen. Am Straßenrand kauerte eine junge Frau traurig neben einer Liege. Dort lag ein totes Baby, ein Junge. Ihr Sohn. „Das Kind ist verblutet, weil die Nabelschnur nicht fachgerecht abgetrennt wurde“, erzählt Groch. „Undenkbar bei uns in Deutschland.“

Um auf andere Gedanken zu kommen, verfasst Karola Groch seit über 30 Jahren auch Haikus, traditionelle japanische Kurzgedichte. Das falle ihr leichter als klassische Lyrik, denn dafür habe sie kein Talent. Ihr Pakistan-Buch aber hat sie selbst verfasst, um den ganz persönlichen Blick zu bewahren. „Das Land Pakistan ist mir zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden“, schreibt Karola Groch im Vorwort. Sie möchte ihr Buch demnächst übersetzen lassen – auf Urdu.

Karola Groch: „Erlebnis Pakistan: Als Ärztin in einem geheimnisvollen Land“, broschiert: 114 Seiten, Triga Der Verlag Gerlinde Heß; ISBN-10: 3958280056. ISBN-13: 978-3958280052, 12,90 Euro. Wer sich für die ehrenamtliche Arbeit beim Senior Experten Service (SES) interessiert, kann sich auf der Website des SES informieren: www.ses-bonn.de, Telefonnummern 0228 26090-0, 030 20648267.

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