Deutsche Aids-Stiftung : Draht zur Außenwelt

Seit 27 Jahren hilft die Deutsche Aids-Stiftung im Großen und im Kleinen. Ulrich Heide erzählt, wie.

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In den Gemeinschaftswohnungen des Trägers Zuhause im Kiez (ZIK) in der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg werden Menschen mit HIV psychologisch betreut und bei Bedarf gepflegt.
In den Gemeinschaftswohnungen des Trägers Zuhause im Kiez (ZIK) in der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg werden Menschen...Foto: Promo/ZIK

Herr Heide, bei der Aufklärung über HIV und Aids wurde in Deutschland in den letzten Jahrzehnten viel getan, etwa von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung und der Deutschen Aidshilfe. Welche Rolle hat die Deutsche Aids-Stiftung?

Wir sehen uns als Ergänzung dieses Angebots: Seit ihrer Gründung 1987 geht es der Deutschen Aids-Stiftung darum, für Menschen mit HIV und Aids Akzeptanz und Unterstützung zu fordern. Ganz konkret unterstützen wir verschiedene kleinere und große Projekte. Das geht vom Frühstückstreffen für Menschen mit HIV über Angebote, mit denen diese wieder Zugang zum ersten Arbeitsmarkt bekommen, bis zu großen Wohnprojekten wie der Reichenberger Straße des Trägers „Zuhause im Kiez“ in Berlin. Außerdem unterstützen wir einige wenige internationale Projekte. Wir finden, dass eine glaubwürdige Hilfsorganisation auch in Entwicklungsländern tätig werden muss, in denen ja bis vor wenigen Jahren nur die Oberschicht Zugang zu Medikamenten hatte. So finanzieren wir in Südafrika eine Begleitung von infizierten Kindern, die im Krankenhaus behandelt wurden, zurück in den Alltag. In Mosambik werden infizierte Schwangere unterstützt, damit ihr Baby ohne HIV-Infektion zur Welt kommt. Wir sind stolz auf den Erfolg: 98 Prozent dieser gefährdeten Neugeborenen haben keine Infektion.

HIV-Infizierten in akuter materieller Not gewähren Sie Einzelfallhilfen. Was hat sich hier in den letzten 27 Jahren verändert?

Vieles. In den ersten Jahren wurden wir oft gebeten, überbordende Telefonkosten zu übernehmen. Telefonieren war teuer, und es war im Vor-Internet-Zeitalter der wichtigste Draht zur Außenwelt. Heute helfen wir in der Hälfte der Fälle bei der Umgestaltung des Lebensumfelds, bezahlen etwa Umzüge in ein Haus mit Aufzug, Möbel oder eine Waschmaschine. 15 Prozent der Anfragen beziehen sich auf medizinische Hilfsmittel wie Brillen, Hörhilfen oder Zahnersatz. Ein weiterer wichtiger Bereich ist Kleidung: Durch die Therapien gibt es oft deutliche Veränderungen im Erscheinungsbild. Jedes Jahr gehen rund 2000 Anträge auf Einzelhilfen bei uns ein. Die Menschen, die diese Hilfen brauchen, sind aber nicht repräsentativ für alle HIV-Infizierten; sie leben so gut wie immer von Transferleistungen.

Woher kommt das Geld, das die Stiftung ihnen zukommen lässt?

Unsere Einnahmen kommen fast ausschließlich von privaten Spendern sowie von Verbänden und Unternehmen wie dem Verband der Privaten Krankenversicherung. Als neuen Sponsor konnten wir Audi gewinnen. Dabei ist die Berliner Aids-Gala enorm wichtig; sie ist eine der bekanntesten Benefizveranstaltungen. Auch die Kunstauktionen spielen eine wichtige Rolle.

Hilfe im Kampf gegen Aids und die Kunstszene – da scheint es eine enge Verbindung zu geben.

Es war nie einfach, Spenden zu sammeln für Menschen mit HIV und Aids. Geht es um Opfer von Naturkatastrophen, Kinder oder Tiere, ist das bedeutend leichter. Vor allem zu Beginn bestanden gegenüber Menschen mit HIV und Aids große Vorurteile. In den 80er Jahren waren die Künstler die einzige Gruppe, die sich des Themas angenommen hat. Später haben Benefiz-Fernsehsendungen uns sehr geholfen, die inzwischen leider kein Sender mehr produziert.

Wie ist die aktuelle Situation?

Im Moment ist die Niedrigzinsphase für alle Stiftungen ein großes Problem. Unsere Einnahmen aus dem Stiftungskapital gehen seit Jahren zurück. Gleichzeitig stuft heute nur noch eine kleine Minderheit der Bundesbürger Aids als besonders gefährliche Krankheit ein. Dabei hat in den ärmsten Ländern nur ein Drittel der Infizierten Zugang zur Therapie. Und die immer besser werdende antiretrovirale Behandlung löst nicht alle Probleme. Sie stellt uns vor neue Herausforderungen: Vor 20 Jahren war nur einer von hundert Antragstellern über 50 Jahre alt, heute sind es fast 30. Das Thema Wohnen und Alter wird also auch für HIV-Infizierte mit ihren besonderen Problemen an Bedeutung gewinnen.

Ulrich Heide, 61 Jahre, ist Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung. Mit dem promovierten Medienpädagogen sprach Adelheid Müller-Lissner.

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