Berlin : Deutsche Bahn: Kahlschlag bei Projekten in Berlin

Jörn Hasselmann

Die Deutsche Bahn will beim Ausbau des Eisenbahnknotens Berlin zwei Milliarden Mark einsparen. So sollen die bereits jetzt entstandenen Mehrkosten am Nord-Süd-Tunnel und am Lehrter Bahnhof aufgefangen werden. Der Chef-Sprecher der Bahn, Dieter Hünerkoch, bestätigte gestern entsprechende Tagesspiegel-Informationen. Verzichten will die Bahn auf den Bau des Bahnhofs Papestraße, die Sanierung des Ostkreuzes, die Dresdner Bahn sowie zwei der vier Fernbahngleise im Nord-Süd-Tunnel. "Das gesamte Konzept steht auf dem Prüfstand, alles, was noch nicht angefangen wurde", sagte Hünerkoch weiter. Sicher ist, dass die Bahn auch auf die Bürohochhäuser am Lehrter Bahnhof verzichtet.

Bahnchef Hartmut Mehdorn hatte bei der Verkehrsministerkonferenz Anfang April bei einem Frühstück im kleinen Kreis nur Berlins Verkehrssenator Peter Strieder und die Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Elke Ferner, über die Streichliste der Bahn informiert. Eine endgültige Entscheidung soll eine Arbeitsgruppe aus Experten von Bahn, Bund und Land treffen. "Die Entscheidung fällt zeitnah", sagte Hünerkoch. Ob das Tage oder Wochen bedeutet, wollte er nicht sagen.

Große Auswahl beim Verzicht hat die Bahn jedoch nicht. Das "Nordkreuz" zwischen Gesundbrunnen und Bornholmer Straße nimmt immer mehr Gestalt an, der Bahnhof Spandau ist fertig, die Stadtbahn saniert und der Nord-Süd-Tunnel im Bau.

Vor allem der Verzicht auf das 650 Millionen Mark teure "Südkreuz" an den Stelle des heutigen S-Bahnhofes Papestraße bedeutet den Abschied von dem nach der Wende beschlossenen Bahnkonzept für Berlin. "Das ist ein Angriff auf das Pilzkonzept", sagte ein Verkehrsexperte. Die Fahrgäste, die am so genannten Autobahnhof Südkreuz einsteigen sollten, würden dann zusätzlich die im Bau befindliche Zentralstation Lehrter Bahnhof belasten.

Verärgert sind Berliner Politiker vor allem über den geplanten Verzicht auf die Dresdner Bahn, eine der beiden Strecken, die von Süden aus in den Fernbahntunnel münden sollten. Infolgedessen sind nach Auffassung der Bahn auch zwei der vier Fernbahngleise im Tunnel verzichtbar. Kippt die Dresdner Bahn, muss der geplante "Airport-Express" einen Umweg über die Anhalter Bahn durch Lichterfelde fahren. Für die Bahn hätte der Verzicht auf den Ausbau der Dresdner Bahn durch Lichtenrade neben der Einsparung von knapp 700 Millionen Mark den weiteren Vorteil, dass ein bedeutender Streitpunkt mit Anwohnern und dem Senat mit vom Tisch wäre.

Wie berichtet, wollte die Bahn bislang die neuen Gleise oberirdisch legen, das Land verlangte dagegen einen - 160 Millionen Mark teuren - Tunnel. Deshalb hatte das Land in den vergangenen zwei Jahren das Genehmigungsverfahren blockiert. Vor zwei Wochen jedoch hatte Verkehrssenator Strieder plötzlich angekündigt, die Pläne nun doch auszulegen, um der Bahn keinen "Vorwand" zu liefern, auf den Streckenausbau zu verzichten. Zu diesem Zeitpunkt wusste Strieder schon von der Streichliste.

Der neuerliche Verzicht auf die seit Jahren überfällige Sanierung des S-Bahnhofes Ostkreuz sei "ein Klopper par excellence", sagte SPD-Verkehrsexperte Christian Gaebler dem Tagespiegel. Ebenfalls knapp 700 Millionen Mark sind für die aufwendige Sanierung des bestehenden S-Bahnhofes und den Neubau von Regionalbahnsteigen vorgesehen; die Sanierung der Gleise Richtung Warschauer Straße ist mit weiteren 150 Millionen Mark veranschlagt. Bahnkenner spotten seit langem, dass das Ostkreuz nur von Rost und alter Gewohnheit zusammengehalten werde: "Irgendwann wird der Station jedoch die Betriebsgenehmigung entzogen." Im November 1999 war eine Überführung am Ostkreuz wegen Baufälligkeit gesperrt worden. Im Senat ist man nur mit dem Verzicht auf die Hochhäuser über dem neuen Lehrter Bahnhof einverstanden. Die beiden gläsernen Hochhäuser, die so genannten "Bügelbauten", von dem Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner geplant, haben ohnehin nichts mit dem Bahnbetrieb zu tun; ursprünglich sollten sie sogar dazu dienen, der Bahn zusätzlich Geld in die Kasse zu bringen. Bislang wurde aber noch kein Büromieter gefunden. Nun hofft die Bahn, dass sich in den nächsten 18 Monaten ein privater Investor findet, der das Risiko trägt.

Der Senat kann sich damit anfreunden, auf die Parkhäuser am Südkreuz zu verzichten. Völlig fallen lassen dürfe man das Südkreuz aber nicht, hieß es. Zumindest simple Bahnsteige für die Fernbahn sollten entstehen. Unverzichtbar für das Land ist die Dresdner Bahn - und mit ihr die schnelle Anbindung des geplanten Großflughafens an den Lehrter Zentralbahnhof.

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