Deutsche Bahn : Leserdebatte: Ein Fest in vollen Zügen

Der ICE-Verkehr nach München soll von Montag an wieder nach Plan aufgenommen werden. Bei der S-Bahn ist dagegen noch kein Ende der Einschränkungen in Sicht. Berichten Sie uns von Ihren Bahn-Erlebnissen zu Weihnachten. Diskutieren Sie mit!

Klaus Kurpjuweit
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Jeder zweite ICE nach München fiel über Weihnachten aus. -Foto: ddp

Die Bahn kann – fast – alles. Sogar das Wetter vorhersagen. Bereits vor Weihnachten war sie sich sicher, dass die „witterungsbedingten Störungen an ICE-Zügen“, die zum Ausfall von jeder zweiten Verbindung zwischen Berlin und München über Leipzig geführt haben, am Montag vorbei sein werden. Und dabei bleibe es, bekräftigte ein Bahnsprecher am Sonnabend.

Gestern, am zweiten Weihnachtsfeiertag, seien die Züge zwar voll gewesen, es habe aber kein Chaos gegeben, sagte der Sprecher weiter. Und die Züge seien meist pünktlich gefahren. Damit habe sich die Lage entspannt.

Vor Weihnachten dagegen, als die meisten Fahrgäste vom eingeschränkten Betrieb überrascht worden waren, sah es noch anders aus. So berichteten Fahrgäste, die ein Ticket für die 1. Klasse hatten, dass es ihnen bei der Fahrt nach Berlin nicht gelungen sei, sich im randvoll gefüllten Zug bis zu den reservierten Plätzen durchzukämpfen. Stehende Fahrgäste und abgestelltes Gepäck versperrten fast in jedem Wagen den Gangbereich. Vom Personal kam keine Hilfe, weil es selbst feststeckte. Dafür wurden aber auch die Fahrkarten meist nicht kontrolliert.

Entspannt hat sich die Lage auch, weil zwischen Weihnachten und Neujahr die Zahl der Fahrgäste ohnehin zurückgeht. Erst nach Neujahr rechnet man bei der Bahn wieder mit einem großen Andrang.

Dass die Bahn sich entschieden habe, wegen des Fahrzeugmangels nur zweistündlich statt zu jeder Stunde von Berlin über Leipzig nach München zu fahren, dafür aber in der Regel mit langen Zügen, sei grundsätzlich richtig gewesen, sagt Karl-Peter Naumann vom Kundenverband Pro Bahn. Kürzere Züge im Ein-Stunden-Abstand wären hoffnungslos überfüllt gewesen. Und beim Zwei-Stunden-Verkehr seien Fahrgäste auch eher bereit, Umwege zu akzeptieren, selbst wenn die Fahrt länger dauere.

Deutschlandweit sind auch andere Züge ausgefallen. Dass es aber hauptsächlich die Verbindung von Berlin über Leipzig nach München erwischt hat, liegt an den hier eingesetzten Zügen – den Neige-ICE-T, die schneller durch Kurven fahren können als herkömmliche Züge. Ein Bahnsprecher gab zu, dass die Fahrzeuge nicht so gebaut seien, „ dass sie sibirischen Temperaturen standhalten“. Vor allem Wasser- und Abwasserleitungen unter dem Fahrzeugboden könnten einfrieren. Zudem habe durch Lüftungsgitter eingedrungener Pulverschnee elektrische Bauteile beschädigt. Die Züge sind allerdings in ihrer Entwicklungsphase auch in speziellen Klimakammern auf „sibirische Temperaturen“ getestet worden. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) nannte das technische Versagen „blamabel für die Hersteller“ der Züge.

Dass es im Winter Probleme geben kann, gesteht auch Naumann der Bahn zu. Dadurch ausfallende Züge würden im Normalfall durch Reservefahrzeuge ersetzt. Doch Reserven habe die Bahn nicht mehr. Von den ICE-T-Zügen sei nur die Mindestanzahl angeschafft worden, die für den Betrieb – und eine kleine Reserve – erforderlich sei. Wegen Problemen mit den Achsen müssen die Fahrzeuge aber schon seit Monaten häufiger zur Kontrolle in die Werkstatt als beim Kauf angenommen worden war. Und weil die Untersuchungen erst ab einer bestimmten Temperatur möglich sind, müssen die Züge jetzt auch noch länger in den Hallen aufgewärmt werden.

Mit der Begründung, die Züge fielen witterungsbedingt aus, führe der Bahnkonzern seine Kunden „hinters Licht“, ist der Bundestagsabgeordnete der Grünen, Anton Hofreiter, überzeugt. Richtig sei vielmehr, dass die Wartungskapazitäten nicht ausreichten. Angesichts des geplanten Abbaus von Betriebsstätten sei dies ein weiterer Beleg für die Fehlplanungen des Konzerns.

Ähnliche Probleme mit einer zu geringen Werkstattkapazität hatte in Berlin schon seit Jahren der Betriebsrat der S-Bahn beklagt. Jetzt hat die Geschäftsführung nachgegeben und nimmt die geschlossene Werkstatt in Friedrichsfelde wieder in Betrieb. Weil die Geschäftsführung inzwischen auch zugibt, dass die Fahrzeugreserve zu gering bemessen ist, werden 20 statt 12 abgestellte sogenannte Viertelzüge der Reihe 485, die aus zwei Wagen bestehen, reaktiviert, was einen zweistelligen Millionenbetrag erfordert. Vier andere Viertelzüge müssen allerdings aus dem Betrieb genommen werden, weil sie verschlissen sind.

Doch während die Bahn am Montag zum Normalfahrplan zurückkehren will, kann die S-Bahn dafür noch nicht einmal ein Datum nennen.

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