Deutsche Einheit : Gemischte Gefühle auf dem Alexanderplatz

Am Montag wird die Ausstellung "Friedliche Revolution 1989/90" abgebaut. Doch nicht nur deswegen ist vielen Besuchern auf dem Alexanderplatz am Jubiläumswochenende der Deutschen Einheit nicht zum Feiern zumute.

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02.10.2010 17:47Knapp anderthalb Jahre lang zog die Ausstellung "Friedliche Revolution 1989/90" am Alexanderplatz Besucher an. Jetzt ist endgültig...

„Es ist eine Schande für Deutschland, dass diese Ausstellung auf dem Müll landet“, hat jemand in das Kondolenzbuch für Bärbel Bohley geschrieben. Eigentlich ist das Erinnerungsbuch an die kürzlich verstorbene DDR-Bürgerrechtlerin nicht der passende Ort, um die Empörung über das Ende der beliebten Ausstellung „Friedliche Revolution 1989/90“ Ausdruck zu verleihen. Doch es zeigt auch, wie groß das Unverständnis ist, dass nach anderthalb Jahren und über zwei Millionen Besuchern nun Schluss sein soll auf dem Alexanderplatz. Das aber steht unverrückbar fest: Am Montag kommen die Abrisskräne, die friedliche Revolution wird abgebaut.

Hunderte sind an diesem letzten Wochenende noch einmal zur Weltzeituhr gekommen, um sich die Fotos, Radio- und Filmbeiträgen aus der Wendezeit ein letztes Mal anzusehen. Viele empfinden diesen Ort auch als passend, um sich am Wochenende des Einheitsjubiläums noch einmal zu erinnern an die Zeit, als sich in Berlin alles veränderte.

Was hat sich im Einheits-Jahr 1990 für Sie verändert?
Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister Berlins: "Fast alles. Eine neue Zeit war angebrochen. Spannend und schwierig zugleich – aber voller Glücksgefühl."Weitere Bilder anzeigen
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01.10.2010 12:36Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister Berlins: "Fast alles. Eine neue Zeit war angebrochen. Spannend und schwierig zugleich –...

Auf der anderen Seite der Tramschienen dreht sich ein kleines Kettenkarussell, Kinder versuchen sich am Hau den Lukas, in ein paar Büdchen wird Schmuck, Porzellan und anderer Nippes verkauft, es herrscht ein Flair irgendwo zwischen Oktoberfest und Weihnachtsmarkt. Plötzlich hallt ein durchgehender Schrei über den Platz. Jemand ist vom Dach des Park-Inn-Hotels gesprungen. Erleichtert atmet die Menge auf, als klar wird, dass der scheinbar lebensmüde Springer an einem Seil hing. Das fröhliche Biertrinken geht weiter. Doch wird hier auch die Einheit gefeiert? „Mit dem 3. Oktober verbinde ich eigentlich gar nichts“, sagt Angelika Starke. „Es war ja nur noch eine administrative Geschichte, die mit dem neunten November nichts mehr zu tun hatte.“ Zum Feiern ist der 64-Jährigen nicht nur deswegen gar nicht so richtig zu Mute: „An diesem Wochenende feiern sich die Eliten mal wieder selbst. Ich habe gemischte Gefühle, wenn ich Kohl und Merkel reden sehe.“

Gemischte Gefühle, weil im vereinten Deutschland eben auch nicht alles besser ist. Nicht nur, weil die Ostalgie 20 Jahre nach der Einheit ihren Höhepunkt erreicht und die blühenden Landschaften größtenteils ausblieben. Angelika Starke wurde wie viele andere nach der Wende arbeitslos, erlebte den Niedergang der ostdeutschen Wirtschaft am eigenen Leib.

 Vor der kleinen Bühne, auf der gerade eine A-Capella-Truppe auftritt, pusten sich die Besucher wärmende Luft in die Hände. Der großen „Finissage“ der Einheits-Ausstellung fehlt wegen der bitteren Kälte ein wenig der Drive, wenige Menschen verweilen länger als zehn, fünfzehn Minuten, weil der eisige Wind über die Freifläche fegt. Dabei gibt es kostenlose Führungen und Musik, abends noch einen Gottesdienst.

Doch auch den Organisatoren der Ausstellung sind nicht wirklich in Feierlaune. Die Robert-Havemann-Gesellschaft wäre gern noch länger auf dem Alexanderplatz geblieben, am liebsten bis 2015. Viele Politiker und Sympathisanten hatten sich dafür ausgesprochen. „Für mich ist es das eigentliche Einheits- und Freiheitsdenkmal“, hatte der Berliner Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten André Schmitz gesagt, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ebenfalls Verlängerungswillen signalisiert, jedoch auf ein Signal vom Bund gewartet. Das kam dann von Kulturstaatsminister Bernd Neumann. 2,7 Millionen Euro hatte die Ausstellung insgesamt gekostet, weitere 1,7 Millionen für weitere fünf Jahre wollte der nicht ausgeben. Es sei Sache des Landes Berlin. „Wir sind sehr traurig darüber“, sagt Tom Sello, Projektleiter der Havemann-Gesellschaft.

 So ist die Stimmung am Alexanderplatz ein wenig gedrückt. Auf einer kleinen Bühne singen Schüler des Chorprojekts „Erhebe Deine Stimme“, bis zum Abend schlendern die Besucher ein letztes Mal an den Stellwänden vorbei. „Ich wollte die Ausstellung noch mal sehen, weil die ja jetzt wegkommt“, sagt eine 72-jährige Besucherin. Wie vielen anderen Berlinern kommen beim Anblick der Bilder bei ihr die Erinnerungen hoch. „Auch wenn heute nicht alles gut ist, dass wir heute keine Grenzen mehr in Berlin haben, ist wunderbar“, sagt sie. Und dann lacht sie. Und das ist dann schließlich doch ein Grund zum Feiern.

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