Berlin : Deutsche Einheit in Stein und Eisen

Seit langem wird darum gerungen, wie ein Nationaldenkmal für das vereinte Land aussehen könnte Dabei fehlt es nicht an Einheitsmonumenten in der Stadt – manche führen ein Schattendasein

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Zweigeteilt. Die Röhrenskulptur „Berlin“ auf der Tauentzienstraße kennt jeder, das „Tanzende Paar“ an der Liesenstraße Ecke Chausseestraße in Mitte nur wenige.
Zweigeteilt. Die Röhrenskulptur „Berlin“ auf der Tauentzienstraße kennt jeder, das „Tanzende Paar“ an der Liesenstraße Ecke...

Der Sockel vom Nationaldenkmal ist so leer wie der ganze Schlossplatz ringsum mit seiner blühenden grünen Landschaftswiese mitten in der Stadt. Zwanzig Jahre nach dem Geläut der Einheitsglocken in der Nacht des 3. Oktober 1990 sucht man noch immer vergebens ein Plätzchen, an dem am Nationalfeiertag gedacht, gelacht, geweint, geschwoft, geschworen und dabei ein feierliches Kranzniederlegungsgesicht gezeigt werden könnte. Wo sollen wir denn nun mahnmalen, wenn kein Monument das Jahrhundertereignis in künstlerischer Vollendung den Herzen und Hirnen unserer Menschen näher bringt?

Wie man sich doch irren kann! Unsere Altvorderen waren es, die einst ihren Wunschträumen freien Lauf ließen – zu einer Zeit, als die Einheit noch in weiter Ferne war. Seit dem 13. August 1967 steht auf einem der beiden Türme des ehemaligen Flakbunkers im Humboldthain eine elf Meter hohe Stahlskulptur. Zwei stelenartige Metallteile verbreitern sich in der Mitte, laufen an den Enden spitz zu und scheinen sich zu berühren. Ein offener Ring hält das Ensemble zusammen. Die Witwe des 1998 verstorbenen Bielefelder Malers und Bildhauers Arnold Schatz kann sich gut an diese Arbeit erinnern. „Sie symbolisiert die geteilte Stadt Berlin, der Metallreifen um die beiden Stelen sollte die Hoffnung auf Wiedervereinigung ausdrücken.“ Die Plastik war ein Geschenk an den damaligen Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Abends wurde sie angestrahlt – ein Luxus, den es nicht mehr gibt. Wer heute den 85 Meter hohen Bunkerberg erklimmt, steht zwischen graffitibeschmierten Wänden, liest auf einer Tafel „Mahnmal der Einheit Deutschlands“ und genießt eine Fernsicht, die nur die im Minutenabstand in Tegel landenden Metallvögel durchkreuzen. Die andere Seite der Stadt sieht man vor lauter Baumgrün nicht: 43-jähriges Wachstum zauberte den Osten weg. Das Gebüsch ist höher als der Fernsehturm.

Von wesentlich kleinerem Format ist die 1962 aufgestellte Muschelkalkplastik „Wiedervereinigung“ von Hildegard Leest in einem kleinen Park an der Liesen-Ecke Chausseestraße. Hier reichen sich zwei Menschen die Hände, wer kleiner als ein Meter fünfzig ist, kann unter der Verbrüderung hindurchschlüpfen. Das Denkmal ist die einzige Erinnerung daran, dass hier in der Nähe ein Grenzübergang war. Die Einheit hat alles abgeräumt, auch an der Invalidenstraße. Weder ein Kupferband noch eine Pflasterreihe zeigen an, wo das Monstrum von 1961 bis 1989 die Stadt geteilt hat.

Nahe dem größten Berliner Einheitssymbol, dem Brandenburger Tor, steht „Der Rufer“. Auf dem Mittelstreifen der Straße des 17. Juni behauptet sich die drei Meter große Bronzeplastik mit ihrer Stentor-Stimme gegen Verkehrslärm und Volksfestgetöse im Bratwurst- und Chinapfannenduft: Der zum 100. Geburtstag seines Schöpfers Gerhard Marcks anno 1989 aufgestellte Nachguss symbolisiert den Wunsch nach Frieden und das Recht auf Meinungsfreiheit: „Ich gehe durch die Welt und rufe Friede, Friede, Friede“ – Worte des italienischen Dichters Francesco Petrarca. Ein paar Kilometer weiter westlich, auf dem Mittelstreifen der Tauentzienstraße, steht seit 1987 eine Plastik mit vier gebogenen, teils ineinander verschlungenen Röhren aus Chromnickelstahl. Das Postkartenmotiv ist zwanzig Jahre nach der Einheit ein glänzendes Symbol: Da wächst noch immer zusammen, was längst zusammengehört.

Und wie ist das mit dem schlichten Mahnmal auf dem Theodor-Heuss-Platz? Ein Quader, auf der einen Seite die Worte „Freiheit Recht Friede“, auf der anderen „Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung“. 1955 hatte Theodor Heuss diese Feuerstelle in Betrieb genommen, sie sollte bis zur Wiedervereinigung lodern, aber sie lodert weiter. Vor kurzem erleuchtete sie zwei Dutzend Kränze für den Bund der Vertriebenen, auf den Schleifen standen die Namen Angela Merkel, CDU, SPD, FDP, und die Landsmannschaft Berlin trauerte „In stillem Gedenken an unsere Heimat“.

Wir nähern uns der Neuzeit. Der Osten holte auf. Monumental. Der „Molecule Man“ von Jonathan Borofsky steht seit 1999 in der Spree nahe dem Dreierbezirkseck Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow: 30 Meter hohe Männer symbolisieren das Zusammentreffen der drei Bezirke. Und mit fließendem Wasser ist auch die „Sinkende Mauer“ verbunden: Christoph Girots Kunstwerk am Invalidenpark zeigt, wie die Mauer im Nichts versinkt. Seit vorgestern stehen am Springer-Verlag die Köpfe von drei „Vätern der Einheit“, modelliert vom Franzosen Serge Mangin: George Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl.

Die Einheit scheint nach 20 Jahren in Berlin so selbstverständlich zu sein, dass sie keiner besonderen Denkmäler bedarf. Seltsam: Die Brücke zwischen Berlin und Potsdam war während der Teilung die „Brücke der Einheit“ im Niemandsland. Als die Einheit kam, wurde sie (wieder) zur Glienicker Brücke. Und beim Berliner Hotel- und Gaststättenverband ist keine Kneipe bekannt, die sich „Zur deutschen Einheit“ oder so ähnlich nennt. Aber Fußballer machen es allen anderen vor: Just dort, wo früher die Machthaber saßen, die 1961 die Einheit wegbetoniert hatten, kickt der Spitzenreiter der Berliner Bezirksliga – „Einheit zu Pankow“.

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