Deutsche Einheit : Versäumte und ergriffene Chancen

Treffpunkt Tagesspiegel mit Wolfgang Schäuble, Ingo Schulze und anderen: Was von der DDR und der BRD 20 Jahre nach der Einheit geblieben ist, diskutierte eine hochkarätige Runde im Hotel Intercontinental.

Matthias Schlegel
Treffpunkt_Tagesspiegel
Nachdenken über die Einheit. Beim Treffpunkt Tagesspiegel im Hotel Intercontinental debattierte das Publikum rege mit. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es gibt wohl kaum Berufenere, um Auskünfte über den Ertrag des deutsch-deutschen Einigungsprozesses zu geben: Als „Architekten der Einheit“ beim „Treffpunkt Tagesspiegel“ am Mittwochabend im Hotel „Intercontinental“ vorgestellt, konnten Wolfgang Schäuble, heutiger und damaliger Bundesinnenminister, und Lothar de Maizière, letzter DDR-Ministerpräsident, aus eigener Anschauung von den Reibungen und Mühen des Anfangs berichten. Und auch mit Wolfgang Thierse, in der letzten DDR-Volkskammer Fraktionschef der SPD und zumindest bis August 1990 Koalitionspartner in der de-Maizière-Regierung, gab ein Mitgestalter der Einheit Auskunft. Weil aber Architekten in aller Regel nur allzugern allzu Positives über das von ihnen entworfene Gebäude sagen, sitzt neben ihnen allen als ebenso sensibler wie offenherziger Zeitzeuge der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze, Verfasser des dickleibigen Wenderomans „Neue Leben“.

Der Westen habe 1989/90 die große Chance gehabt, neue Ideen aufzunehmen und andere Wege zu gehen, sagt Schulze. Und resümiert: „Diese Chance ist bitter versäumt worden.“ Den heutigen Zustand Ostdeutschlands allein als Folge der DDR-Misswirtschaft zu erklären, sei zu einfach. Denn viele Probleme seien erst durch den industriellen „Kahlschlag“ 1990/91 verursacht worden.

Doch Wolfang Thierse erinnert an die damalige „Grundkonstellation“: Ein gescheitertes politisch-ökonomisches System ging mit einem erfolgreichen zusammen – „da war klar, was sich zu ändern hatte“. So seien die einen die Lehrmeister und die anderen die Lehrlinge geworden. Es habe damals in der Bevölkerung eine „dramatische Ungeduld“ gegeben. Und Wolfgang Schäuble sagt, dass von 1986 an sechs Millionen DDR-Bürger in den Westen gereist seien: „Das hat nicht zur Stabilisierung der DDR beigetragen.“

Woher aber kommt dann dieses Gefühl der Benachteiligung, das die Ostdeutschen noch immer umtreibt, will Moderator George Turner, Wissenschaftssenator a.D., wissen. „Weil Dinge, die gewonnen wurden, nicht mehr wahrgenommen werden“, sagt Lothar de Maizière – etwas dass die Lebenserwartung im Osten um 10 Jahre gestiegen ist. Man müsse doch triumphieren, dass Deutsche im Osten und Deutsche im Westen ihre gemeinsame Geschichte und ihre gemeinsame Kultur wiederbekommen hätten.

Schäuble mahnt, wenn man das DDR-System kritisiere, müsse man aufpassen, dass das nicht als Angriff auf die Menschen empfunden werde. Sie seien es aber, die mehr Veränderungen aushalten müssten. „Wenn Westdeutsche diese Debatte führen, entsteht der Eindruck, als wenn das Leben im Osten nicht so viel Wert gehabt hätte.“ Deshalb sollten vielleicht die Ostdeutschen darüber stärker diskutieren.

Gerd Appenzeller, Redaktionsdirektor des Tagesspiegels, gibt dem rege mitdiskutierenden Publikum am Ende eine Bitte mit auf den Weg: „Erzählen Sie den Jüngeren, wie es vor 1989 in Deutschland war. Auch das hilft dabei, Gräben zu überwinden.“ Matthias Schlegel

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