Berlin : "Deutsche Eltern fürchten eher die Überforderung ihrer Kinder"

Ausländische Kinder,Kinder vom sozialen R

In der internationalen Bildungsstudie Pisa (Programme for International Student Assessment) schneidet Deutschland in fast allen Kriterien schlechter als Frankreich ab. Bei der Lesekompetenz belegte Deutschland unter 32 Teilnehmerländern den 21. Platz, Frankreich den 14. In Mathematik und den Naturwissenschaften ist der Unterschied noch größer: Deutschland liegt in beiden Gebieten auf Platz 20, Frankreich auf Platz 10 bzw. Platz 12. In keinem Land hängt der schulische Erfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Auch hier steht Frankreich mit einem Platz im Mittelfeld besser da. Susanne Vieth-Entus befragte dazu die Schulleiter des Französischen Gymnasiums, Helene Perrier und Götz Schuffelhauer. Beide haben jahrelang diesseits und jenseits des Rheins unterrichtet.

Ausländische Kinder und Kinder vom sozialen Rand der Gesellschaft haben in Frankreich bessere Chancen. Woran liegt das?

Schuffelhauer: Der fundamentale Unterschied liegt darin, dass die Kinder jung in die Schule kommen und dort den ganzen Tag betreut werden. Über 90 Prozent der Vierjährigen besuchen eine ganztägige Vorschule. Vorher waren sie im Kindergarten. Sie kommen also sehr früh aus ihrem schwierigen sozialen Umfeld heraus.

Perrier: Außerdem besuchen alle Kinder gemeinsam von Klasse 5 bis 9 das Collège unique. Diese Gesamtschule wurde vor Jahrzehnten geschaffen, um Kindern aus allen Schichten die gleichen Chancen zu verschaffen. In Deutschland wird schon nach Klasse 4 oder 6 aussortiert.

Wie schaffen es denn die französischen Lehrer, alle Leistungsniveaus unter einen Hut zu bringen? In Berlin wird beklagt, dass bereits in der Grundschule die so genannte Binnendifferenzierung nicht überall klappt .

Schuffelhauer: Auch in Frankreich gibt es regelmäßig Diskussionen über das Collège. Die Leistungsnivellierung wird beklagt...

Perrier: ...aber der politische Wille geht klar dahin, das Colle¡ge beizubehalten, um die sozialen Unterschiede zu korrigieren. Bisweilen spricht man ihm die Rolle des "sozialen Fahrstuhls" zu. Allerdings gibt es dennoch eine Differenzierung, und zwar zwischen "guten" und "weniger guten" Schulen.

Können Familien ihre Schule frei wählen?

Perrier: Eigentlich nicht, denn es gibt Einzugsbereiche. Allerdings versuchen viele Eltern, diese Regelung zu umgehen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Schuffelhauer: Eltern kaufen beispielsweise eine Eigentumswohnung in einem Bezirk mit "guter" Schule und umgehen so das Problem mit dem Einzugsbereich. Außerdem können die Familien auch auf Privatschulen ausweichen. Allerdings muss man wissen, dass sich die zum großen Teil konfessionellen Privatschulen nicht nur um Spitzenschüler kümmern. Einige Schulen nehmen gezielt Schüler auf, die auf staatlichen Schulen gescheitert sind.

Die Pisa-Studie hat ergeben, dass deutsche Spitzenschüler weniger leisten als die französischen - obwohl die deutschen bereits so früh im Gymnasium gefördert werden. Woran kann das liegen?

Schuffelhauer: Die französischen Schüler sind extrem motiviert, Spitzenleistungen zu bringen, weil sie den Sprung in die Eliteuniversitäten, in die "Grande Ecoles", schaffen wollen. Denn sie wissen, dass ihnen dann alle Türen offen stehen. Dazu müssen sie zunächst die zweijährigen Vorbereitungsklassen und ein anspruchsvolles Auswahlverfahren absolvieren. In Deutschland braucht man nur einen guten Notendurchschnitt.

Frankreich steht auch im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich besser da.

Schuffelhauer: Die Rolle der Mathematik ist in Frankreich eine andere als in Deutschland. In Frankreich führt der goldene Weg in die Eliteuniversitäten über den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig des Lycée, das von Klasse 10 bis 12 dauert.

Und warum lesen Frankreichs Kinder lieber?

Schuffelhauer: Die Literatur spielt im öffentlichen Leben wohl eine größere Rolle. Sogar im Fernsehen ist sie präsent.

Perrier: Das Lesen ist tatsächlich ein Schwerpunkt des Unterrichts. Von der Vorschule an werden die Kinder auf das Lesen vorbereitet und durch Lese-Wettbewerbe zusätzlich motiviert. Es gibt zudem besonders gute Ausgaben von Kinderbüchern, die die Kinder zum Lesen anregen.

Sehen Sie Unterschiede in der Leistungsbereitschaft?

Perrier: Die deutschen Eltern haben eher die Befürchtung, dass ihr Kind überfordert wird. Sie finden, dass es zu viele Hausaufgaben oder Klassenarbeiten gibt. Wenn morgens eine Arbeit geschrieben wird, dann wollen sie am Nachmittag keine mehr.

Schuffelhauer: Dazu passt auch, dass sie die Einschulung ihrer Kinder hinauszögern solange es geht. Sie tun so, als wenn mit der Einschulung die Kindheit endet.

Perrier: Das führt dazu, dass französische Kinder mit fünf Jahren alphabetisiert sind und deutsche mit sieben.

Es wird immer gesagt, dass französische Lehrer altmodischen Frontalunterricht machen.

Perrier: Der Frontalunterricht herrscht tatsächlich vor: mit dem Ziel, möglichst viel Wissen zu vermitteln. Dabei spielt die Pädagogik eine große Rolle - mit Binnendifferenzierung und zusätzlichem Förderunterricht. Man sollte den Frontalunterricht nicht karikieren. Insgesamt ist in Deutschland die mündliche Beteiligung der Schüler wichtiger als in Frankreich.

Herr Schuffelhauer, Sie haben einige Jahre in Toulouse unterrichtet. Welche Unterschiede im Schulleben sind ihnen aufgefallen?

Schuffelhauer: Ein Vorteil der französischen Schulen, die generell größer als deutsche sind, ist, dass sie über Dokumentations- und Bibliothekszentren verfügen. In den Vor- und Grundschulen dauert der Unterricht von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr mit einer zweistündigen Mittagspause. Vor und nach dem Unterricht gibt es hortähnliche Betreuung. Für berufstätige Eltern ist das eine ganz andere Situation. Den Begriff "Rabenmutter" gibt es im Französischen gar nicht.

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