Berlin : Deutsche Oper: Mechaniker führen Regie

Im Haus an der Bismarckstraße tun sich Abgründe auf - für den Einbau einer neuen Bühnentechnik

Stefan Jacobs

Wo die Bühne war, klafft ein drei Etagen tiefer Abgrund. Von ganz weit oben hängen Seile aus dem Dunkel herab, Hammerschläge auf Metall hallen durch den Saal. Die Deutsche Oper bekommt eine neue Bühne. Die alte ist schon raus, die künftige noch nicht drin. Der eiserne Vorhang versperrt den Blick zum Zuschauerraum mit seinen knapp 1900 Plätzen. Was vom spärlich beleuchteten Rand des Abgrundes aus zu sehen ist, erinnert an ein ausgeweidetes Großkraftwerk.

Rainer Zacke setzt seinen Bauhelm auf und klettert die steile Metallstiege hinab ins erste Untergeschoss. Neben der Treppe laufen unendliche Mengen dicker Kabel in dicken Strängen parallel. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte besteht ebenfalls aus Kabeln, deren Anblick allerdings eher an ein Spaghettigericht in riesiger Vergrößerung erinnert: die Technikzentrale. „Die Hälfte davon müssen wir tauschen“, sagt Zacke. „Die andere Hälfte bleibt.“ Er leitet den im Mai begonnenen Umbau, den die Deutsche Oper in einer verlängerten Sommerpause bis Mitte September schaffen will. Seit 30 Jahren arbeitet Zacke hier. So einigermaßen habe er die Schaltpläne in dieser Zeit durchschaut, sagt er.

Oben am Bühnenrand montieren Bauarbeiter ein neues Podium. Eines von sechs, die vom Publikum aus gesehen als hintereinander liegende Ebenen angeordnet sind. Sie können deutlich mehr als die alten, so dass man sie beispielsweise neigen kann und nicht für jede Inszenierung mühsam eine Rampe zimmern muss, wenn eine Schräge gebraucht wird. Basis jedes Podiums ist ein riesiger Stahlträger, der über einen extra dafür installierten Lastkran ins Haus gehievt wird. Die alten Podien wogen 22 Tonnen pro Stück, die neuen sind doppelt so schwer, plus zwölf Tonnen Nutzlast pro Stück. Die Antriebe sind im Keller verankert. Statiker haben berechnet, dass das Fundament der Oper das aushalten wird. Später werden noch die beiden seitlich einschiebbaren Nebenbühnen erneuert und nächstes Jahr die Hinterbühne. Rainer Zacke ist jetzt am Boden des Abgrundes angekommen. Er steht sozusagen neben dem Tunnel der U-Bahn, die vor der Oper durch die Bismarckstraße fährt. 40 Höhenmeter – ein zwölfstöckiges Haus etwa – sind es bis zur Decke, von der die Seile für die Bühnenbilder hängen. Nüchtern betrachtet ist die Oper ein riesengroßer Maschinenraum mit einem kleinen Flecken für die Künstler mittendrin.

Die Umbauten erleichtern den Opernleuten die Arbeit und bringen das 1961 gebaute Haus auf den Stand der aktuellen EU-Richtlinien zum Arbeitsschutz. Die Kosten von knapp zehn Millionen Euro hat der Senat lockergemacht. Glück für die Deutsche Oper, dass sie nicht so marode ist wie die Staatsoper, bei der wohl nur eine Komplettsanierung hälfe. Und die wäre mit etwa 160 Millionen Euro so teuer, dass sie ständig verschoben wird.

Kirsten Harms, die Intendantin, ist erleichtert, dass von den mehr als 700 Mitarbeitern der Oper ein guter Teil Handwerker sind, die auch jenseits der Bühne arbeiten können: So haben Schlosser die stählernen – und erst im Nachhinein in das denkmalgeschützte Gebäude gebauten – Zickzackmuster von der Wand im Foyer abgetrennt. Nun kaschiert der Theatermaler die Wunden. „Das Geld für Firmen haben wir sowieso nicht“, sagt die Intendantin. Auch der inzwischen hochbetagte Architekt des Hauses, Fritz Bornemann, sei über die Restaurierung in seinem Sinne froh.

Rund 220 000 Menschen besuchen übers Jahr die Deutsche Oper. Es könnten auch noch ein paar mehr sein – findet Kirsten Harms und beschreibt einen neuen Anziehungspunkt: Im Erdgeschoss, auf der von außen so schmuddeligen Seite zur Krummen Straße hin, tauschen Kantine und Bibliothek die Plätze, was den Einbau eines zusätzlichen Restaurants samt Freiluftbereich ermögliche. Der Betreiber habe Vergleichbares schon in einem Nürnberger Theater etabliert, und der kleine Platz an der Ecke, auf dem es jetzt noch nach Hund und verschüttetem Bier riecht, gehöre der Oper. Hier soll man draußen speisen können – unter von unten beleuchteten Platanen. Und wann? „Ab September!“, sagt Kirsten Harms und schaut, als ahne sie, dass das knapp werden wird. Rainer Zacke ist schon längst wieder Richtung Baustelle verschwunden. Bis zur Eröffnungsgala am 16. September muss das Riesenloch mit einer neuen Bühne ausgefüllt sein.

Kartentelefon, auch für die monatlichen Führungen: 0700-67 37 23 75 46. Gruppenführungen und weitere Informationen sind bei Carsten Jenß unter der Nummer 342 84 225 zu erhalten.

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