Deutsche Post schließt Filiale in Charlottenburg : Notschalter im Hinterhof

Die Post hat zum Jahresbeginn auch ihre Filiale in der Charlottenburger Goethestraße geschlossen. Das geschah so unauffällig, dass Kunden erst im Gebäude feststellen, dass die Post weg ist.

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Potemkinsche Post: Der Briefkasten ist noch da, auch sonst deutet noch vieles auf eine Postfiliale hin. Aber die Räume in Charlottenburg stehen seit kurzem leer.
Potemkinsche Post: Der Briefkasten ist noch da, auch sonst deutet noch vieles auf eine Postfiliale hin. Aber die Räume in...Foto: Thilo Rückeis

Majestätisch blicken die steinernen Löwenköpfe von der Fassade des ehemaligen Kaiserlichen Postamts in der Charlottenburger Goethestraße. Das denkmalgeschützte Gebäude aus roten Ziegeln und Sandstein ist seit reichlich hundert Jahren Drehkreuz für Briefe und Pakete. Doch seit 11. Oktober stehen die Berliner vor geschlossenen Schaltern: Die Postfiliale ist verschwunden. Die Räume des Postbank-Finanzcenters gammeln nun vor sich hin.

Wo einst der Geldautomat stand, ragen Kabel aus dem Boden. Vom Briefmarkenautomat ist nur die Verkleidung geblieben. Neben dem Eingang hängt ein Telefon, das immerhin noch mit dem Kundendienst verbindet. Glaswände verhindern den Gang zu den Schaltern und in die Büros. Prospekte und Stifte liegen auf dem Boden, auf dem Gang werben Schilder für Angebote der Postbank. Es sieht aus, als sei gerade eben geschlossen worden, doch es ist elf Uhr morgens. Die Heizung funktioniert, sie ist für die Kunden der Postfächer, die noch verblieben sind. Es wäre ein toller Schlafplatz für Obdachlose, wäre nicht ab 18 Uhr geschlossen.

Mitten in der Geisterpost steht Ursula Wendt. Wie jedes Jahr kam sie aus Lichterfelde her, um für ihren Enkel die Briefmarken-Jahressammlung zu kaufen, am einzigen Philatelieschalter der Stadt. Wendt übersieht die Aushänge, die ihr sagen, dass sie nun in die neue Filiale in der Joachimstaler Straße 41 laufen muss. Dort ist seither auch die Philatelie untergebracht. „Schrecklich, alles wird zugemacht“, sagt sie. Vor fünf Jahren soll es in Berlin nach Angaben der Post noch 160 Postämter gegeben haben. Übrig geblieben sind vier. Im kommenden Jahr werden auch sie zu „Partnerfilialen“. Davon gibt es 550 in der Stadt, darunter auch „Verkaufspunkte“ und Finanzcenter der Postbank, wie das in der Goethestraße eines war.

Dort warten Briefmarkenautomat und Briefkästen vor der mit Postbank-Leuchtreklame umrahmten Eingangstür. Gelbe Schilder von Post und DHL prangen an der Fassade. 1881 wurde der linke Gebäudeteil von Architekt Wilhelm Tuckermann gebaut. Heute ist im ehemaligen Rohrpostamt Nr. 26 unter anderem ein Yoga-Studio untergebracht. An das bestehende Gebäude baute Tuckermann 1901 das ehemalige Fernmeldeamt Steinplatz an – den Teil, aus dem gerade die Postfiliale verschwand. „Die beiden bisherigen Standorte in der Joachimstaler Straße 7 und in der Goethestraße 2 haben sich in ihren Einzugsgebieten überschnitten“, teilte ein Postbank-Sprecher dazu mit.

Die Kunden empfinden das anders. „Wir werden von der Stadt abgeschnitten“, sagt Renate Kühn, „erst der Bahnhof Zoo, jetzt die Post“. Deren gläserne Eingangstür öffnet sich fast im Minutentakt, weil von außen alles aussieht wie immer. Was nun mit den Räumen geschieht, ist unklar. Die Postbank habe „keine Pläne mit dem Gebäude“ und will „in Kürze mit dem Rückbau beginnen“, sagte ein Sprecher. Die Post habe die Räume noch drei Jahre gemietet. Beim Konzern gibt es allerdings noch „keine konkrete Planung“. Eine Bauanfrage liegt beim Bezirksamt nicht vor. Die Zustellungsstelle für Charlottenburg befindet sich noch immer in dem historischen Gebäudeensemble. Aber nur wer sich an der Schranke vorbei in den Hinterhof wagt, wird seine Post noch los. Eine kleine Poststelle, eigentlich nur für Geschäftskunden, bedient jeden, der hinfindet, sagt ein Mitarbeiter. Ein Hinweis darauf fehlt in der geschlossenen Post. Weil man den Ansturm sonst nicht bewältigen könne, erklärt der Mann, der kleine Raum sei schon so jeden Nachmittag proppenvoll.

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