Deutsche Welle im Brunnenviertel : Vom Wedding in die Welt seit 1992

Im Brunnenviertel wird seit über 20 Jahren ein Fernsehprogramm für Millionen Zuschauer produziert. In der Nachbarschaft fällt das keinem wirklich auf..

Lukas Wohner
Herausragend: Das Hochhaus der Deutschen Welle in der Voltastraße. Foto: Lukas Wohner
Herausragend: Das Hochhaus der Deutschen Welle in der Voltastraße.Foto: Lukas Wohner

Fernsehen in vier Sprachen und wöchentlich 50 Millionen Zuschauer rund um den Globus – so ein Programm kann man nicht irgendwo machen. Da braucht es jede Menge Redakteure, Produzenten und Techniker. Ein riesiges Studio, die ganze Technik und und und... So etwas kann man wirklich nicht irgendwo machen. Andererseits: Der Wedding ist ja auch nicht irgendwo, sondern "mitten im Leben", wie Rainer Sollich sagt. Er leitet die arabische Redaktion , ist also verantwortlich für ein Viertel des Fernsehprogramms der Deutschen Welle. Daneben wird noch in deutscher, englischer und spanischer Sprache produziert.

Die Deutsche Welle, das ist der Auslandssender Deutschlands, finanziert aus Steuermitteln und trotzdem kein Staatsfernsehen. In journalistischer Unabhängigkeit soll die Sendeanstalt den deutschen Blick auf die Geschehnisse in der Welt schildern und so ein Beitrag zum Völkerverständnis sein. Oder mit den Worten des Intendanten Peter Limbourg, ehemals Anchorman bei Sat.1: "Die Deutsche Welle ist die mediale Stimme Deutschlands in der Welt". Wenn dem so ist, ist das Brunnenviertel wohl eins der Stimmbänder.

Arbeiten im Biotop

Am Hauptsitz in Bonn entstehen die Inhalte für Radio und Internet, an der Voltastraße jene fürs Fernsehen. "Agenda", "Journal", "Kick off!" und "Deutschland heute" heißen einige der Formate, die auf dem alten AEG-Gelände unterm Humboldthain produziert werden. Inmitten von alten Fabrikhallen und restaurierten Backsteinbauten – der Industrie folgte das "Berliner Innovations- und Gründungszentrum" – steht ein modernes Stahlbeton-Gebäude. Mit seinen anthrazitfarbenen Steinen und den elf Etagen hebt es sich deutlich vom Umfeld ab; "hier tut sich was", scheint es zu sagen. Die riesigen Satellitenschüsseln auf dem Dach tun das Übrige.

Dennoch: "Wir arbeiten hier ziemlich unbemerkt", sagt Sollich. Mit der Nachbarschaft hat er jedenfalls kaum zu tun. Ab und an trinkt er einen Kaffee in der Gegend, doch die Möglichkeiten sind rar. "Es gibt nichts", pflichtet ihm sein Kollege Carlos Delgado bei. Es ist dem Chef der spanischen Redaktion unangenehm, das zu sagen, aber dann fügt er es im Flüsterton doch hinzu: "Und ehrlich gesagt ist alles ein bisschen ranzig hier." Er sehnt sich nach mehr Cafés, Orten, die eine Alternative zur Betriebs-Kantine sein könnten. Döner vom "Techno Grill" um die Ecke? Wohl eher nicht.

Die 500 Mitarbeiter der Deutschen Welle scheinen in einem Biotop zu leben: Menschen, die nur Umgang mit ihresgleichen haben. Multikulti zwar, aber relativ abgeschottet im Multikulti-Kiez. Drinnen drei hochmoderne Fernsehstudios, ausgestattet mit Kameras, die vollständig ferngesteuert sind. Ein großer Newsroom voller Bildschirme, der wirkt wie die Kommandobrücke eines Raumschiffs. Es wird geschnitten, vertont, Moderatoren kommen in die Maske. Das alles passiert hier, ohne dass man einen Schritt vor die Tür setzen müsste. Drinnen ein kleines Hightech-Universum, draußen Einöde. Wettbuden, Handy-Läden, Spätis.

Doppelt isoliertes Viertel

Haben die Mitarbeiter Angst vor dem Brunnenviertel, das sich vom Problemkiez-Image erst langsam löst? In der Vergangenheit habe es zwar Belästigungen gegeben, berichtet Delgado. Deshalb gingen seine weiblichen Kolleginnen nachts manchmal lieber in der Gruppe nach Hause. Aber das könne ja überall passieren, meint er.

Das Haus der deutschen Welle liegt westlich der Brunnenstraße, im Quartier "Brunnenviertel-Ackerstraße" am südöstlichen Rand des Wedding. Zwischen Nordbahnhof und Brunnenstraße, Humboldthain und Bernauer Straße. Das Straßenbild ist geprägt durch zweckmäßige Neubauten aus Zeiten des sozialen Wohnungsbaus der Siebziger und Achtziger. Keine Hochhäuser wie in Marzahn, trotzdem trist. Hier ist noch weniger los als auf der anderen Seite der Brunnenstraße, wo deutlich mehr Menschen wohnen.

Isoliert ist das Quartier in zweierlei Hinsicht: Räumlich durch die S-Bahn-Trasse, das Gewerbegebiet und den Humboldthain. Sozial durch das Milieu, das hier wohnt: Gut 15 Prozent der Menschen hier sind arbeitslos, also noch einmal gut drei Prozent mehr als im Gesamtberliner Schnitt. Fast 60 Prozent haben einen Migrationshintergrund, ein ebenso großer Anteil der unter 15-Jährigen erhält Sozialleistungen. Das ging in den letzten Jahrzehnten so weit, dass Die Zeit schrieb "Die Migranten ziehen aus": Der Ausländeranteil war so hoch, dass viele türkisch- und arabischstämmige Familien– ihre Kinder dort aus Angst vor Sprachdefiziten nicht mehr zur Schule schicken wollten.

Nix los: Der Kiez ist isoliert durch S-Bahn-Trasse und Humboldthain. Foto: Lukas Wohner
Nix los: Der Kiez ist isoliert durch S-Bahn-Trasse und Humboldthain.Foto: Lukas Wohner

"Also ich fühl mich wohl hier", sagt Samir Matar. Der gebürtige Syrier ist seit 2002 Redakteur bei der Deutschen Welle und hat bis 2006 im Wedding gelebt. "Es ist nicht harmonisch, aber friedlich", meint er. Er komme gern hierher, vor allem wegen der Einkaufsmöglichkeiten. Einkaufsmöglichkeiten? Da meint doch einer die Badstraße und das Gesundbrunnen-Center etwas weiter nördlich, nicht das Brunnenviertel an sich. Heute wohnt Matar in Pankow, auch wegen der Kinder. "Früher war es hier schmutziger", sagt er fast entschuldigend. Doch im Brunnenviertel habe sich in den letzten Jahren einiges getan, es sei viel gebaut worden. "Aber man erkennt das Viertel noch wieder", sagt er. Vielleicht wurde noch nicht genug getan. Halten wir also fest: Fernsehen für Millionen, das kann man hier machen. Eine schöne Mittagspause? Wohl eher nicht.

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

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