Deutscher Herbst : Die RAF und ihre Jünger

Aus der Geschichte nichts gelernt: Die radikale Linke diskutiert über den Deutschen Herbst.

Philipp Lichterbeck

BerlinDer Abend beginnt mit einer Gedenkminute. Rund 150 Menschen stehen mit gesenktem Kopf im proppevollen Veranstaltungssaal des Tommy-Weissbecker-Hauses in Kreuzberg. Viele recken die linke Faust in die Höhe, einige schließen die Augen. Sie gedenken der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe , die vor 30 Jahren im Gefängnis von Stammheim „vom Staat ermordet“ wurden. Dass es Mord war – und nicht Selbstmord, wie heute allgemein angenommen –, ist hier Gewissheit.

Deshalb spricht die junge Frau mit Wollmütze auf dem Podium, die ihren Namen nicht nennt, von „den im revolutionären Kampf Gefallenen“. Nach der Gedenkminute ruft sie: „Sie leben in unseren Herzen weiter.“ Überhaupt ist der Abend reich an Floskeln. „Kein Vergeben, kein Vergessen!“ Unter dieser Parole hatte das Netzwerk „Freiheit für alle politischen Häftlinge“ am Sonnabend in fünf Städte eingeladen. Übers Internet will man mit Podien in Brüssel, Mailand, Stuttgart und Zürich diskutierten. Aus der Schweiz soll die ehemalige RAF-Terroristin Inge Viett zugeschaltet werden. Doch die Verbindung klappt nicht, sogleich wird der Staatsschutz der Sabotage verdächtigt.

In der vergangenen Woche war es bei der Berliner CDU auf starke Empörung gestoßen, dass eine solche Veranstaltung in Berlin möglich ist. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warf den Teilnehmern vor, die Opfer zu verhöhnen. Aus Angst vor strafrechtlichen Verfolgungen ist das Fotografieren im Weissbecker-Haus, einem selbstverwalteten Wohnkollektiv, verboten. Das Podium ist mit Plakaten verkleidet, auf denen der rote Stern mit Maschinenpistole prangt.

Der Moderator, ein gewisser Wolfgang aus Hamburg, befragt den Autor und Juristen Peter Otto Chotjewitz. Der 71-Jährige war Wahlverteidiger von Andreas Baader und veröffentlichte den Roman „Die Herren des Morgengrauens“ über die Erfahrungen im Stammheimer Prozess. Er sagt, dass der Staat die RAF physisch und psychisch ausschalten wollte. Die RAF sollte „idiotisiert“ werden. Deswegen habe man Ulrike Meinhof das Gehirn entnommen. Auf eine Nachfrage antwortet Chotjewitz, dass man das nachlesen könne. Sofort entbrennt eine Diskussion, ob das nun arrogant gewesen sei oder nicht. Als eine Frau fragt, wie viele Besucher aus bürgerlichen Verhältnissen stammten, bricht Gezeter los. Ruhe kehrt ein, als einer sagt, dass die RAF einen Kampf für eine herrschaftsfreie Gesellschaft geführt habe.

Die Fronten sind klar: Die linksalternative „taz“ ist ein „bürgerliches Blatt“, „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust ein „Arschloch“, und der reuige ehemalige RAF-Terrorist Dellwo „hat die Seiten gewechselt“. Zum Schluss versteigt man sich zu der Feststellung , dass die ungeklärten Anschläge der 80er und 90er Jahre (insbesondere die Sprengung der JVA Weiterstadt und der Mord an TreuhandChef Detlev Rohwedder) bewiesen hätten, dass man etwas tun könne, ohne ins Gefängnis zu kommen. Es scheint, als ob die radikale Linke resistent ist gegen die Lehren auch aus ihrer eigenen Geschichte.

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