Berlin : Deutschland trauert im Berliner Dom

Bundespräsident und Bundeskanzler besuchen zentralen Gottesdienst: Übertragung auf Vorplatz und im Fernsehen

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Von Fatina Keilani

Damals war das Gefühl ganz deutlich: Die westliche Gesellschaft ist bis ins Mark getroffen, die Menschen sind sich ihrer Verletzlichkeit wieder bewusst geworden. Nach den Terroranschlägen suchten sie Halt, in Berlin wie anderswo füllten sich die Kirchen – und leerten sich wieder, als der Eindruck schwand. Weltweit wird heute des Angriffs auf Amerika gedacht. Die zentrale Veranstaltung in Deutschland findet um 12 Uhr im Berliner Dom statt.

Die Bischöfe Georg Kardinal Sterzinsky und Wolfgang Huber predigen; erwartet werden unter anderem Bundespräsident Johannes Rau, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, sämtliche Minister mit Ausnahme von Außenminister Joschka Fischer, der in New York sein wird, US-Botschafter Daniel R. Coats und fast alles, was sonst noch Rang und n hat – insgesamt 500 geladene Gäste. 700 Plätze stehen Besuchern des ökumenischen Gottesdienstes zur Verfügung. „Die Bischöfe haben darauf bestanden, dass es genügend Plätze für die Gläubigen gibt“, sagte Sterzinskys Sprecher Andreas Herzig dem Tagesspiegel gestern. Wegen der strikten Kontrollen empfehle es sich aber, bis 11 Uhr da zu sein. Das ZDF überträgt die Gedenkfeier live, so dass die Logen mit Kameras und Kabeln belegt sind.

Der evangelische Bischof Wolfgang Huber sprach vorab mit dem Tagesspiegel über einige seiner Gedanken. „Man muss sich noch einmal erinnern, wie stark es uns erschüttert hat, dass eine solche Gewalttat begangen wurde und dass die Täter sich auf religiöse Gründe berufen haben“, sagte Huber gestern. „Ich habe das damals als Gotteslästerung bezeichnet und wiederhole es hiermit. Gleichzeitig haben wir erlebt: Wer in dieser Zeit Trost und neue Orientierung sucht, der findet sie im Glauben an Gott.“

Die Kirchen waren nach dem Anschlag viel voller als üblich, besonders bis Weihnachten. Ob sie in der Folge verstärkt Kircheneintritte verzeichneten, sagen beide christliche Kirchen nicht. Herzig hat aber einige aufschlussreiche Beobachtungen gemacht: „Man hat es zum Beispiel am Kerzenverbrauch gemerkt. Die Menschen haben Ruhe gesucht. Viele haben der Opfer gedacht und für sie Kerzen angezündet.“ Zu Füßen der Marienstatue in der Hedwigskathedrale hätten viel mehr Flammen geleuchtet als normalerweise. Und: „Viele waren mit dem Kirchlichen nicht so vertraut.“ Katholiken bekreuzigen sich beim Betreten der Kirche. Nun kamen Menschen, die einen Moment der Einkehr suchten und annahmen, im Gotteshaus die richtigen Bedingungen dafür zu finden. Sie bekreuzigten sich nicht – ein Hinweis darauf, dass sie nicht häufig den Weg dorthin finden.

Wie soll man reagieren auf den Terror, wie seinen Ursachen entgegentreten? Jedenfalls nicht mit einer Kreuzzugmentalität, meint Huber. Eine Dämonisierung des anderen, eine allzu einfache Einteilung in Gut und Böse richte eher Schaden an: „Der Militarisierung des Denkens dürfen wir nicht das Feld überlassen.“

Im vergangenen Jahr hatte es am Tag nach dem Angriff auch einen ökumenischen Gedenkgottesdienst mit Huber und Sterzinsky gegeben. Der Dom war damals völlig überfüllt. Diesmal übertragen Lautsprecher die einstündige Andacht nach draußen. Die Soul-Sängerin Jocelyn B. Smith singt unter anderem das Lied „Papa, can you hear me“ aus Barbra Streisands Film „Yentl“, ein Schüler und eine Schülerin lesen auf Englisch und Deutsch aus dem Matthäus-Evangelium. Der Inhalt der Predigten wurde vorab nicht bekannt, wohl aber, was der Domprediger in seiner Fürbitte sagen wird. Er bringt auf den Punkt, was viele umtreibt: „Gott, ein Jahr nach der Katastrophe stehen wir wieder vor Dir. Damals ist sie zusammengebrochen, unsere leichtfertige Vorstellung, dass wir in unserer westlichen Welt völlig sicher leben könnten.“

Weitere Gottesdienste: In der Gedächtniskirche predigt um 18.00 Uhr der evangelische Generalsuperintendent Passauer, in der Katholischen Akademie spricht um 19.00 Uhr der aus Malaysia stammende muslimische Theologe Chandra Muzzafar, in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale gibt es um 19.30 Uhr ein Chorkonzert. Es singen der Kathedralchor, der Kammerchor Brandenburg und der Jugendkammerchor Pankow.

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