Deutschlandpolitik und neue Parkbänke : Richard von Weizsäcker beim Tagesspiegel

Spitzbübisch, amüsant und anekdotenreich. Richard von Weizsäcker war zu Gast in unserer Gesprächsreihe mit früheren Regierenden Bürgermeistern und berichtete von seiner Amtszeit.

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Diskussion mit Leserinnen und Lesern. Richard von Weizsäcker hatte bei seinem Tagesspiegel-Auftritt viel zu erzählen. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Diskussion mit Leserinnen und Lesern. Richard von Weizsäcker hatte bei seinem Tagesspiegel-Auftritt viel zu erzählen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Treffen mit Erich Honecker, im Herbst 1983! Richard von Weizsäcker erinnert sich. Als erster Regierender Bürgermeister von Berlin reiste er damals auf Einladung des SED-Generalsekretärs in den Ostteil der Stadt. Und bekam vorher ein Fernschreiben aus Bonn. „Da stand sinngemäß drin, ich würde aus Deutschland ausgewiesen, wenn ich wirklich hingehe.“ Absender war der CDU-Parteifreund und Staatsminister im Auswärtigen Amt, Alois Mertes.

Das Publikum ist amüsiert – Leser und Leserinnen des Tagesspiegel folgen am Mittwochabend in den Räumen des Verlags gern den Erinnerungen des früheren (West-)Berliner Regierungschefs, der anschließend Bundespräsident wurde. Nicht immer antwortet der Gast artig auf die Fragen des Tagesspiegel-Herausgebers Gerd Appenzeller und des Chefredakteurs Stephan-Andreas Casdorff, sondern assoziiert frei und lässt seinen spitzbübischen Charme aufblitzen. Das Gespräch mit Honecker sei übrigens nicht besonders interessant gewesen. „Aber es hatte seinen guten Sinn.“

Sei es der Lebenstraum von Weizsäcker gewesen, Regierender Bürgermeister zu werden? „Nö, nö“, sagt der. „Ich gestehe, dass ich zunächst nicht nach Berlin wechseln, sondern im Bonner Bundestag weiter Berlinpolitik machen wollte.“ Aber der CDU-Parteichef Helmut Kohl verfolgte damals das Ziel, die Union in Bund und Ländern zur führenden Kraft zu machen, und er sah für Weizsäcker in Berlin gute Chancen. In jener eingemauerten Stadt, die der heute 91-jährige CDU-Politiker so beschreibt: „Berlin war das Hauptobjekt der Außenpolitik, aber eben nicht der Sitz von Entscheidungen.“

Es folgt ein Lob für den SPD-Politiker Egon Bahr, der in den Siebzigerjahren der maßgebliche Mann für die Deutschlandpolitik gewesen sei. „Ich habe ihn schätzen gelernt und daran hat sich nichts geändert.“ Aber wie war es denn, nach dem grandiosen Wahlsieg der Berliner CDU 1981, als Richard von Weizsäcker mit Unterstützung der FDP Regierender Bürgermeister wurde? Er erinnert sich schmunzelnd, „auf einmal auch für die Aufstellung der Parkbänke im Tiergarten zuständig zu sein“. Zu jedem Problem habe er etwas sagen müssen. Nur zwei Jahre blieb der Christdemokrat im Amt, „aber es war eine erfüllte Zeit“.

Die CDU in Berlin war damals nicht besonders eindrucksvoll, verrät von Weizsäcker. Und, wie alle Parteien im Westen der Stadt, für den Zuzug von außen wenig aufgeschlossen. Deshalb sei es eine bedeutende Leistung gewesen, „dass ich die Hälfte der Senatsmitglieder aus Westdeutschland mitbrachte“. Jetzt freut es ihn sehr, dass Berlin als Hauptstadt zum Zentrum der deutschen Politik geworden ist. Auch der Außenpolitik, soweit man von Außenpolitik sprechen könne. Woran er sich nicht gewöhnt hat: „Viele Menschen fahren in den Urlaub nach Berlin, nur um sich zu amüsieren, aber das muss ich akzeptieren.“

In der Tagesspiegel-Gesprächsreihe „Berlin, wo geht es hin“ mit fünf ehemaligen Regierenden Bürgermeistern sind am Montag, 20. Juni, Walter Momper (SPD) und am Montag, 27. Juni, Eberhard Diepgen jeweils um 18 Uhr zu Gast. Askanischer Platz 3, 10963 Berlin. Einlass ab 17. 30 Uhr. Der Eintrittspreis inklusive Begrüßungssekt beträgt 14 Euro. Anmeldung unter 29021520 oder tagesspiegel.de/shop.

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