• Deutschlands größtes Familiengericht: In diesem Berliner Haus entscheiden sich Kinderschicksale

Deutschlands größtes Familiengericht : In diesem Berliner Haus entscheiden sich Kinderschicksale

Väter gegen Mütter, die Kinder dazwischen: Das Familiengericht Tempelhof-Kreuzberg, das deutschlandweit größte seiner Art, hilft den Schwächsten, wo Liebe zu Hass wurde. Auf recht familiäre Weise. Unser Blendle-Tipp.

Pepe Egger
Quadratische Architektur, ordentlich und gerade, ganz anders als die Schicksale, die hier verhandelt werden.
Quadratische Architektur, ordentlich und gerade, ganz anders als die Schicksale, die hier verhandelt werden.Foto: Mike Wolff

Erst mit der Zeit geraten im Mittendrin des Familiengerichts, zwischen Anwälten und Richterinnen, zwischen Aktenwägelchen, Gutachtern und sich zankenden Eltern, die Kinder in den Blick, um die sich hier doch fast alles dreht: schlafend im Kinderwagen die glücklichsten, die noch gar nichts von alldem rundherum begreifen. Hibbelig anhänglich andere, zwischen den Eltern hin- und herflitzend wie Boten ohne Nachricht. Betont zutraulich ein Zehnjähriger, der auf einer Bank den Kopf auf den Schoß seiner Mutter legt. Fahrig, angespannt ein Mädchen, das auf die Anhörung durch einen Richter wartet.

„Ich will nicht eure Stromleitung sein“, sagt eine Tochter zu ihren Eltern. Vielleicht ist das ja das Kerngeschäft eines Familiengerichts: eine paragrafengestützte Überstromschutzeinrichtung zu sein, ein Versuch des Spannungsabbaus mit den Mitteln des BGB.

Das Familiengericht Tempelhof-Kreuzberg am Berliner Landwehrkanal, Hallesches Ufer, ist Deutschlands größtes Familiengericht. Um die 20 000 Fälle werden hier pro Jahr verhandelt: Sorgerechtsstreitigkeiten, Umgangssachen, Scheidungen, Adoptionen. Auseinandersetzungen um Partnerschaft, Vaterschaft, Elternschaft, kurz: darum, was es heißt, hier und heute eine Familie zu sein.

Das einzige Gericht Berlins mit einem Haushaltsposten für Kinderspielzeug und Bastelmaterial steht da wie ein Riese aus weißem Muschelkalk, der das kleine rote „Kinderhaus“ an der Hand hält. Hier, nur durch einen schmalen Steg mit dem Hauptgebäude verbunden, können die Kinder außen vor bleiben, spielen, lesen, basteln, während sich die Eltern oben im Gerichtssaal sortieren oder in die Haare kriegen.

Strenge Linien, rechte Winkel überall

Das Gerichtsgebäude, 1995 fertiggestellt, ist durch und durch quadratisch, kubisch, rechtwinklig: Oswald Mathias Ungers, der Architekt, hat es von der Fassade über die Fenster, Säle, Bodenfliesen bis hinunter zu Heizkörperverkleidungen und Kleiderständern aus dem Quadrat und dem Kubus heraus entwickelt und geformt. Schachbrettmuster also, rechte Winkel überall. Dabei sind doch von den Menschen hier die allermeisten gar nicht geometrisch gerade, sondern ganz im Gegenteil „aus so krummem Holze gemacht“, woraus „nichts ganz Gerades gezimmert werden“ kann, wie Kant das beschrieben hat.

Die Menschen, um die es hier geht, drücken morgens ihre nervös halbgerauchten letzten Zigaretten in den quadratischen Aschenbecher vor der Einlasstür am Halleschen Ufer, dann raffen sie sich auf, nesteln ihre Ladungen hervor und passieren die Sicherheitskontrolle, bevor sie dem Familienrecht sehenden Auges entgegentreten. Manche sind schon nach Minuten zurück, andere nach mehreren Stunden, wenige erlöst, viele aufgelöst. Dann der erste Griff zum Handy, um empört oder erleichtert Verhandlungsergebnisse durchzugeben: „Er hat sich total zum Affen gemacht!“ Oder: „Gegen die Mütter hast du keine Chance!“ Oder, Idealfall: „Am Ende haben wir uns doch noch irgendwie zusammengerauft.“

Christian Kunz, seit 2010 Präsident des Amtsgerichts Tempelhof-Kreuzberg, zu dem das Familiengericht gehört, warnt vor dem ersten Besuch, man solle nicht allzu Unerhörtes erwarten. „Ich muss Sie enttäuschen“, sagt er, „die ganz aufregenden Fälle gibt es hier nicht, Baby im Kühlfach oder so.“

Stattdessen gibt es, kiloschwer auf die Aktenwägelchen gebündelt, die hier im Gerichtsgebäude über die Flure geschoben werden, das Klein-Klein des Familienrechts: jenes feingliedrig-verästelte Paragrafennetz, § 1297 - 1921 BGB, in dem sich die hier Auftretenden als Liebende, als Eheleute oder als Eltern verheddert haben.

Die erste Verhandlung des Tages

9.30 Uhr, Saal F 232, erste Verhandlung des Tages. Die Richterin knipst die rechteckige Leuchtschrift „Nicht öffentlich!“ über der Saaltür an, steckt den Kopf auf den Flur hinaus und ruft auf: „In der Sache Hoffmann?“

Herr Hoffmann (der eigentlich anders heißt), sitzt, in stillen Zorn gehüllt, neben seinem Anwalt auf der einen Seite des Tisches, die Mutter seiner Tochter, mit rosa Wollkäppi, auf der anderen. Wobei, „seine“ Tochter? Herr Hoffmann weiß ja sicher, dass er eigentlich gar nicht der Vater ist, dass er es nicht sein kann. Aber recht haben und recht bekommen – das alte Lied. Schließlich gilt § 1592 BGB, (2): „Vater eines Kindes ist der Mann, der die Vaterschaft anerkennt.“

Hoffmann war mit der Mutter seiner Tochter bis Januar 2013 zusammen: Über zehn Monate später, im November 2013, kam dann ein Kind auf die Welt. Trotzdem hat er die Vaterschaft noch vor der Geburt anerkannt, ist selbst zum Jugendamt, um zu unterschreiben. Jetzt sagt er, er sei getäuscht worden, die Wahrheit müsse ans Licht.

Der vollständige Text erschien am 18. Februar 2017 in unserem gedruckten Sonnabendmagazin Mehr Berlin. Lesen können Sie ihn außerdem im Online-Kiosk Blendle.

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