Berlin : Deutschstunde im Wohnzimmer

Die „Sprachstube“ setzt auf Migranten als Lehrer Sie geben Kindern bei Hausbesuchen Nachhilfe

Christian Tretbar

So viele Bewerbungen gab es für unsere Weihnachtsspendenaktion noch nie: Mehr als 160 Mappen von sozialen Vereinen gingen ein. Der Spendenverein hat alle sorgsam gesichtet und geprüft. Wegen der großen Nachfrage werden wir in diesem Jahr noch mehr Projekte bedenken. Derweil mehren sich die Anrufe von Lesern, die Sachspenden anbieten oder persönlich helfen wollen. In den nächsten Tagen stellen wir ausgewählte Projekte vor – und bitten Sie, liebe Leser, um Spenden. Heute: Eine Sprachstube für und von Migranten.

Bilal und Omar hatten Glück. Für den einen war es als Kind ein „leichtes Spiel, Deutsch zu lernen“, und für den anderen fiel die deutsche Sprache gleichsam vom Himmel. „Das kam wie der Blitz, ganz von allein“, sagt Omar. Bilal ist syrischer Palästinenser, wohnt aber seit dem zweiten Lebensjahr in Deutschland. Omar hat seine Wurzeln ebenfalls in Palästina, ist aber in Berlin geboren. Die beiden 18-Jährigen sprechen fließend Deutsch und Arabisch, was nicht nur ein persönlicher, sondern auch ein beruflicher Vorteil ist. Denn sie sind zwei von 14 angehenden Sprachtrainern des Projekts „Sprachstube“ der Casablanca-Jugendhilfe.

Sie sind alle junge Arbeitsuchende, die einen Migrationshintergrund haben, neben ihrer Muttersprache gut Deutsch sprechen und erste pädagogische Erfahrungen gesammelt haben. Bilal und Omar haben zwar keine pädagogische Ausbildung. „Aber wenn man in einer Großfamilie mit fünf Geschwistern aufgewachsen ist, lernt man darüber mehr als in der Theorie“, sagt Omar. Er wird zusammen mit Bilal und den anderen Kollegen in Familien gehen und den Kindern zu Hause die deutsche Sprache beibringen. Erste Erfahrungen haben die Verantwortlichen des Projekts bereits gemacht. Denn die „Sprachstube“ gibt es schon seit 2004, allerdings waren es bisher Schüler, die ehrenamtlich in 25 Familien den Kindern beim Deutschlernen behilflich waren. „Dieses Projekt geht natürlich weiter, aber der Bedarf ist gestiegen und deshalb vergrößern wir uns“, sagt Projektleiterin Stefanie Corogil. Ihr Kollege Michael Winkler kümmert sich um die 14 neuen Vollzeitkräfte, die Mitte Dezember vom Job-Center vermittelt wurden. Auf ein Jahr ist diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme begrenzt.

Für Bilal und Omar ist das eine gute Chance. Beide haben vorher vergeblich versucht, eine Arbeit zu bekommen. „Ich war Kellner, aber das hat keinen Spaß gemacht“, sagt Omar. Ab Januar ziehen sie mit Handpuppen, Kinderspielen und Büchern in die Familien. Spielerisch sollen die Drei- bis Sechsjährigen die Sprache lernen. Unterstützung und Anleitungen bekommen sie von Michael Winkler. „Unsere Mitarbeiter werden zuerst geschult, bevor sie in die Familien geschickt werden“, sagt Winkler. Er und seine Kollegin hoffen, mit der „Sprachstube“ nicht nur die Kinder zu erreichen, sondern auch deren Eltern. „Sie werden einbezogen, und auch ihnen bieten wir Hilfe an“, sagt Corogil.

Allerdings stößt die „Sprachstube“ jetzt an logistische Grenzen. Im Januar werden zwar neue Räume in der Hussitenstraße 62 bezogen, aber sie sind noch kahl und leer. „Wir brauchen dringend Tische, Stühle und Arbeitsmaterialien wie Handpuppen, Spielsachen, Bücher und Regale“, sagt Winkler. Das alles wollen sie mit dem Geld der Tagesspiegel-Spendenaktion kaufen. Auch die beiden 18-jährigen Nachwuchs-Sprachlehrer hoffen auf Unterstützung. „Denn mir tut es weh zu sehen, wie schlecht viele Migrantenkinder Deutsch sprechen“, sagt Bilal. Schließlich hat nicht jeder das Glück, Deutsch so leicht zu lernen wie er und sein Kollege.

Das Konto: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, Kto.- Nr. 25 00 30 942, BLZ 100 500 00. Onlinebanking ist möglich. Notieren Sie Namen und Anschrift für den Spendenbeleg. Internet: www.tagesspiegel.de/spendenaktion.

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