Berlin : DFB-Pokalendspiel: Die durch die Hölle gingen

Lothar Heinke

Ganz egal, wie das Pokal-Endspiel für den 1. FC Union am Samstagabend ausgeht - am Sonntagvormittag empfängt Eberhard Diepgen die freudetrunkenen oder müden Helden von der Alten Försterei im Roten Rathaus. Und wenn die Köpenicker Kicker beim größten Ereignis ihrer Vereinsgeschichte den heiligen Rasen des Olympiastadions als Sieger verlassen sollten, treten sie auf den Rathaus-Balkon, lassen den goldenen Pokal in der Sonne blitzen und nehmen den Jubel ihrer Fans entgegen. Und wenn nicht? "Dann hatten wir eben ein tolles Fußballfest. Und einen Grund zum Feiern. Union im Endspiel - schon das ist ja irgendwie etwas Unvorstellbares!", sagt Präsident Heiner Bertram. "Ein Traum ist wahr geworden: Unser Verein wird bis in die letzte Ecke Deutschlands bekannt. Und unser Schlachtruf dröhnt durch alle Wohnzimmer."

Zum Thema Online Spezial: Der Weg in die Zweite Liga
TED: Hat Union eine Chance, den DFB-Pokal zu gewinnen? Eisern Union - schon das ist etwas Besonderes, Teil des Kults um diesen Anfang des letzten Jahrhunderts (und dann mehrmals neu-)gegründeten Fußballverein aus dem Oberschöneweider Industriegebiet, wo einst Schlosserjungs in stahlblauen Hemden dem Ball hinterher liefen und von ihresgleichen als Zuschauer angefeuert wurden. "Eisern!", soll mal einer über den Rasen gebrüllt haben, als die Verzweiflung unter den Kickern besonders groß war - der Union-Platz in der Alten Försterei in Köpenick ist noch so ein richtiges kleines Stadion, bei dem man den Spielern die Schweißtropfen vom Gesicht wischen kann, und da wirkt dieses "Eisern!" wie ein Befehl. Reißt euch gefälligst zusammen! Anderswo werden Mannschaften, die gerade mal nichts zuwege bringen, von ihrem Anhang ausgepfiffen. Bei Union werden sie angefeuert. Im Chor. Das ist ein Stück der "besondere Atmosphäre", von der jeder, der einmal das Union-Trikot getragen hat, schwärmt. "Einmal Unioner - immer Unioner" sagen einstige Spieler und Trainer, die sich längst in die Erste Liga gekickt haben. Und die vom Union-Virus befallenen oder mit dem genetischen Erbgut ihrer Vorfahren geschlagenen Fans kommen eh nicht von dem Verein los: Mit eiserner Geduld haben sie unzählige Rückschläge durchlitten - als der Verein zu DDR-Zeiten und danach am Boden lag und immer wieder aufstand. Berlins St. Pauli.

"Seit wann sind Sie Unioner?", frage ich einen mitteljungen Mann, der gerade jenes rot-weiß gestreifte Nostalgie-Trikot für 119 Mark kauft, mit dem David-Union 1968 den FDGB-Pokal gewann, obwohl die Wetten damals 99:1 für Goliath Carl Zeiss Jena standen. "Seit 1979. Als Union 8:1 gegen den BFC Dynamo verlor - und die Fans mit hoch erhobenen Häuptern und Fahnen wie die Sieger durch die Chausseestraße marschierten. Soviel Stolz! Soviel Moral! Soviel Teamgeist! Davon hab ich mich anstecken lassen".

Denn Union war in der DDR-Oberliga ein Außenseiter, eine Art halb-privater Club, mäßig unterstützt, im Taumel von Auf- und Abstieg, ewig vom Aderlaß bedroht - die besten Spieler wurden wegdelegiert, so einfach war das. Unvergessen ist "Mäcki" Laucks Wechsel zum BFC Dynamo - so wuchs Haß gegen den Mielke-Club, und die frechen Sprüche an der Alten Försterei, mit denen man sich den Frust von der Seele rief, waren das Eintrittsgeld wert: "Die Mauer muß weg!", hieß es da schon mal im Chor, wenn sich die Spieler der gegnerischen Mannschaft beim Freistoß zum Schutzwall formierten. Und ein ganzes Stadion lachte mal kurz die DDR weg...

Die echte Hölle aber kam erst noch, nach der Wende, als der Verein auf dem Rasen mehrmals theoretisch aufgestiegen war, aber praktisch durch finanzielle Manipulationen in finstren Hinterstübchen, durch kollektive Mißwirtschaft und durch die Machenschaften von Leuten, die sich auf Kosten des Clubs gesundstoßen wollten, auf dem Siechbett lag. Die Fans gingen auf die Straße, sammelten Geld, "Union muß leben!". Und dann die wunderbare Rettung: Ein seriöser Geschäftsmann aus West-Berlin, in der Altmark aufgewachsen, Bundeswehroffizier, offen und preußisch, wird Präsident und entzündet nach 99 vergeblichen Anläufen beim letzten Versuch im Münchner Chef der "Kinowelt" ein inneres Feuer für den Ost-Berliner Kult-Klub. Folgen: Der West-Rubel rollt, ein bulgarischer Top-Trainer kommt, holt gute Leute, neue Hoffnungen und alte Sympathien tragen den Verein von der Hölle in den Himmel. Pokalendspiel. Aufstieg in die 2. Bundesliga. Uefa-Cup.

In Unions Fan-Kneipe "Abseitsfalle" hängt ein Plakat, auf dem Opel-Hetzer das Freundschaftsspiel 1. FC Union gegen Schalke 04 präsentiert. Es war am Sonnabend, 7. November 1992, um 14 Uhr. 8000 Zuschauer sahen einen 3:2-Sieg der Knappen. "Ach, det is lange her", sagt ein Rot-Weißer, der sein Bier unter der gerahmten Vergangenheit trinkt. "Nach vorn mußte kieken, und da sieht allet janz anders aus - viel besser."

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben