DGB-Demonstration : Berliner sahen rot bis zur Siegessäule

80.000 Menschen aus ganz Deutschland demonstrierten in Berlin für ein soziales Europa. Für die Polizei war es ein friedliches Happening.

S. Dassler[A. Dernbach],A. Kögel
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Der Protestmarsch in der Hauptstadt ist Teil der Aktionstage des Europäischen Gewerkschaftsbundes. -Foto: dpa

Ein riesiger roter Luftballon hüpft über die Rankestraße und platzt kurz vor dem Haus Nummer 26, in dem unter anderem eine Bank namens Hypo Real Estate untergebracht ist. Er muss vom wenige hundert Meter entfernten Breitscheidplatz gekommen sein, wo viele rote Ballons über Rednern schweben, die nicht nur die Banken dieser Welt geißeln.

„Wenn die Politiker so viele Milliarden Euro für die Rettung pleitegegangener Geldhäuser ausgeben, dann sollen sie aber auch die Arbeitnehmer unterstützen, die durch die Krise unverschuldet ihre Jobs verlieren“, ruft ein Mann von der Tribüne. Die Menschen auf dem Breitscheidplatz jubeln, klatschen, blasen in ihre Trillerpfeifen.

Um die 80 000 sind es, die sich am Sonnabendmorgen sowohl auf dem Breitscheidplatz als auch am Hauptbahnhof zur DGB-Demonstration versammelt haben, um zur Siegessäule zu ziehen. Das Motto „Die Krise bekämpfen. Sozialpakt für Europa! Die Verursacher müssen zahlen“ hat Gewerkschafter und Arbeitnehmer aus ganz Deutschland nach Berlin geführt. „Bei uns in Siegsdorf hat eine Firma Arbeitnehmern, die freiwillig gingen, eine Abfindung versprochen“, erzählt Günter Zellner aus dem bayerischen Altötting: „Jetzt ist sie pleite und zahlt die Abfindung nicht. Die Leute bekommen aber auch kein Arbeitslosengeld, weil sie Aufhebungsverträge unterschrieben haben.“

Ähnliche Geschichten erzählen viele Demonstranten, ob sie nun aus Peine, Neubrandenburg oder Wilhelmshaven kommen. Auf ihren Plakaten steht „Kein Lohn unter 7,50“ oder „Wir sind sozial unruhig“. Manche Transparente sind witzig und bitter: „Gehörst Du auch zur Unterschicht?“ fragt ein Karikaturmännchen ein anderes. „Nein, ich bin Prekariat“ antwortet dieses.

„Kapitalismus putt“ steht mit Kreide auf dem Bürgersteig, an einem orangefarbenen Müllcontainer hängt ein großes Marx-Plakat, die Currywurst- und Bierbuden sind ebenso stark frequentiert wie die Toilette des nächsten Fastfoodrestaurants. Zwölf Polizistinnen und Polizisten stellen sich in einer Reihe auf, um sich kurz danach wieder aufzulösen.

Die Beamten sperren die Straßen je nach Bedarf, wenn der Strom durch ist, löst sich der Stau wieder auf. Die BVG hat sich auf die großen Events am Sonnabend eingestellt. Wegen des Bundesligaspiels Hertha-Schalke sind mehr U-Bahnzüge zum Olympiastadion unterwegs. Und wegen der Demonstration sowie des Frauenmarathons werden einige Busse und Metrolinien umgeleitet.

Eng ist es am Vormittag und auch am späten Nachmittag am Hauptbahnhof: 16 Sonderzüge aus ganz Deutschland hat der DGB bestellt – einer kommt sogar aus der Schweiz. Nach Angaben der Polizei bleibt es bis zum späten Abend in den Zügen und auf den Bahnhöfen friedlich.

Das trifft auch für die Abschlusskundgebung an der Siegessäule zu. Vor der Rednertribüne wogt ein Meer roter Fahnen, neben IG Metall, IG BAU, IG BCE sieht man viele Flaggen der Linkspartei und vertikal die Segel der Solidarnosc aus Polen. Die rund 400 eingesetzten Polizisten haben wenig zu tun. „Es gab keine Probleme, die Veranstaltung hatte geradezu Happening-Charakter“, sagte am Abend ein Sprecher.

Vielleicht liegt das daran, dass trotz des angekündigten Regens die Sonne auf die Teilnehmer scheint. So bleiben alle freundlich – selbst als eine Gruppe gesellschaftskritischer Attac-Demonstranten vor dem „Wirtshaus zum Löwen“ auf betrunkene Fußballfans von Schalke 04 stößt. Nach einer kurzen Schrecksekunde stimmt einer der Schalke-Fans die Internationale an. Und alle singen mit.

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