Berlin : Dialog der Religionen: "Wir teilen den Schmerz mit den Amerikanern"

Suzan Gülfirat

Der Versammlungsraum der Sehtilik-Moschee am Columbiadamm in Tempelhof war bis in die letzten Ecken gefüllt. Vor dem Podium knieten so viele Fotografen und Kameraleute wie selten. Noch vor einigen Tagen hätte das Thema kaum jemanden aus seiner Ecke gelockt. Bündnis 90/Grüne hatten zusammen mit Vertretern der Moschee einen "Dialog der Religionen" organisiert. "Nein zu Terror und Bomben", lautete die Botschaft. Mit auf dem Podium saßen die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Sybill Klotz, die Kultursenatorin Adrienne Göhler, Hanns Thomä-Venske von der evangelischen Kirche und der Religionsattaché des türkischen Konsulats, Ali Kiliç. Der Theologe Wolfgang Ullmann, der für Bündnis 90/Grüne von 1990 bis 1992 im Bundestag saß, moderierte die Diskussionsrunde.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Am Anfang las der Religionsattaché eine Erklärung vor: "Es ist mit Gott nicht zu vereinbaren, dass unschuldige Menschen getöten werden. Wir teilen den Schmerz mit den Amerikanern", sagte er. Adrienne Göhler sah als studierte Psychologin die Gefahr, dass bei dem großen Wunsch nach Verantwortlichen, das "kostbare Gut der Differenzierung" verloren geht. Sie habe am gleichen Tag von einem Vorfall aus Gießen gehört: Eine engagierte Frau habe ihr berichtet, dass dort "junge Flegel" muslimischen Frauen auf der Straße die Köpftücher heruntergerissen hätten. Sibyll Klotz sagte, sie wolle auf keinen Fall, dass Muslime in Deutschland pauschal verurteilt werden. Es müsse über die sozialen und politischen Ursachen der Sympathie gegenüber dem Attentat im manchen Ländern diskutiert werden, sagte Hanns Thomä-Venske; dafür bekam er von den türkischen Gästen einen kräftigen Applaus.

Das Publikum war relativ buntgemischt. Nur Frauen mit Kopftüchern fehlten. Es wurde geredet, man hörte bis zuletzt interessiert zu und stellte Fragen, wenn auch die Diskutanten sich zeitweise fernab von den Verhältnissen in Berlin bewegten. Über islamistische Tendenzen in Berlin wurde zum Beispiel nicht gesprochen. Dennoch fanden einige türkische Besucher die Veranstaltung "absolut gelungen." Denn es sei die erste Diskussion in dieser Art in der Geschichte der Moschee, sagten sie.

Bisher haben sich Politiker in der Regel durch Führungen informiert. Özcan Mutlu (B 90/Grüne) bedauerte, dass die Veranstaltung erst nach der Katastrophe zustande kam. Bei dem anschließenden Teeumtrunk im Hof vesprach er weitere Treffen. Dies sei erst der Anfang.

Wie groß das Bedürfnis nach einem Dialog ist, erfuhren die deutschsprachigen Gäste gleich am Anfang. Nach Kritik von Gästen am Übersetzer des Religionsattachés übernahm kurzerhand Kenan Kolat vom Türkischen Bund Berlin-Brandenburg diese Aufgabe.

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