Berlin : Dickens verpflichtet

Schauspieler Tom Seidel ist ein politischer Kopf, der Märchen liebt – und zu Weihnachten eines aufführt

Christian Tretbar

Ist die Schminke erst mal ab, erkennt man Tom Seidel kaum wieder. Eben ist er noch als böser, eitler Jacob Marley, Kompagnon des Geizkragens Ebenezer Scrooge, durch Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte stolziert, auf dem Kopf einen überdimensionalen schwarzen Zylinder, dunkel umrandete Augen, weiß geschminktes Gesicht. Jetzt ist die Maskerade vorbei, und da sitzt ein anderer: schlaksig, sportlich, kantiges Gesicht, freundliche Augen, keine Eitelkeiten. Hund Lutz, ständiger Begleiter, döst unterm Tisch.

Tom Seidel, 38, Schauspieler, hat gerade eine Probe hinter sich. Die kleine Truppe der Theaterkapelle Friedrichshain, hat eine Adaption von Dickens’ „A Cristmas Carroll“ auf dem Spielplan. Boxhagener Straße Nummer 99, eine alte Friedhofskapelle, der perfekte Ort für den Geist der Weihnacht. Theater in der Kirche sozusagen: ein brandneues Projekt, das es erst seit Mai gibt.

Wenn Tom Seidel von Märchen spricht, legt sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Die Werke des Autors und Illustrators Paul Maar liebt der gebürtige Leipziger oder auch die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht. Vor allem aber Dickens’ weihnachtliche Gespenstergeschichte. Die Story von Ebenezer Scrooge, dem alten Geizkragen, den erst Weihnachtsgeister zu Menschlichkeit und Nächstenliebe bekehren. „Obwohl das Stück schon alt ist, gibt es so viele Parallelen zu heute. Man muss es einfach aufführen“, sagt Tom Seidel. „Hier in Friedrichshain sieht man die Hartz-IV-Empfänger am Anfang jeden Monats, wie sie ihr bisschen Geld ausgeben. Wer nach zehn Tagen immer noch etwas hat, ist für den Handel doch schon ein Geizhals – auf so etwas muss Theater reagieren.“

Für die Theaterkapellen-Truppe hat er jetzt eine neue Fassung des Dickens-Klassikers geschrieben: „Weihnachtslied in Prosa“, vier Personen, 18 Rollen. Auftritt vor schwerem, roten Samt. Von der Decke hängt ein Trapez. Requisiten: ein Weihnachtsbäumchen, ein grün-goldenes Geschenkpaket. In solchem Ambiente wird Scrooge, gespielt von Klaus Birkefeld, in Friedrichshain bekehrt.

Dickens’ Mischung aus Fantasie und Sozialkritik ist es, die Seidel fasziniert. „Der deutet nicht mit dem Zeigefinger auf die böse Gesellschaft, sondern verzaubert das Publikum mit einer Fantasiewelt, die gar nicht so weit weg ist von der Realität.“ Gesellschaftliche Probleme beschäftigen den Darsteller. Er ist ein politischer Kopf, ein Mensch, der weiß wo seine Wurzeln liegen. Schulzeit in Leipzig, Lehre als Elektriker beim VEB Gisag „Juri Gagarin“. „Das war nicht meine Sache“, sagt er, „aber ich möchte es nicht missen.“ So spricht er über Zeiten, die ihn nicht begeistert haben. In Göttingen hat er Jura und Romanische Philologie belegt, drei Scheine fehlen ihm zum Examen. Jura, sagt er, musste sein, um nach der Wende das neue politische System kennenzulernen. Danach wurde er PDS-Mitglied und ging nach Berlin – um wieder aus der PDS auszutreten und das Theater für sich zu entdecken: Studium an der Privatschule „Die Etage“.

Seine politische Nachdenklichkeit hat Tom Seidel sich bewahrt, seine Erfahrungen gibt er weiter, etwa in einem Workshop für Jugendliche in der Lausitz. Thema: Rassismus. „Die Bühne ist ein guter Ort, vieles zu verarbeiten – für mich eine Art Katharsis.“

Seine Maskerade hilft ihm, Wahrheiten anzusprechen. Da hält er es mit Picasso: „Kunst ist die professionelle Lüge, um die Wahrheit sichtbar zu machen.“ Wer das weiß, erkennt Tom Seidel – auch mit Theaterschminke.

Die Truppe der Theaterkapelle (www.theaterkapelle.de) spielt Dickens heute, morgen und am 22. 12., 20 Uhr, am 23. und 26. 12. jeweils 14 Uhr. Tel. Kartenbestellung unter 40 98 43 00. Preise: 8, ermäßigt 6 bzw. 5 Euro

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