Berlin : Die 90-Grad-Wende

Die Tage des Lieblingsclubs von Reich und Schön sind gezählt – am jetzigen Ort. Wohin steuert das Flaggschiff des Berliner Nachtlebens?

Björn Seeling

Eines muss man dem 90 Grad lassen: Der Club schafft es, im Gespräch zu bleiben. Zur Berlinale lachte sich hier Dustin Hoffman eine attraktive Berlinerin an, und sein Kollege George Clooney flirtete flugs mit der Klofrau. Doch nun ist der Club in der Schöneberger Dennewitzstraße selbst ins Gerede gekommen: Die Eigentümer, so hieß es, wollen Berlins angesagtesten Ort für das Sehen und Gesehenwerden verkaufen – ausgerechnet an die Betreiber des „Pacha“ in München. Dieser Club macht sich bereits um das Glamourwesen an der Isar verdient. Boris Becker, Stefan Effenberg und andere prominente Menschen feiern hier gern unter dem Symbol der Kirsche – denn „Pacha“ (sprich: Patscha) heißt auf Spanisch nichts anderes als „Kirsche“.

Steigen nun die Münchener ganz groß in die Berliner Glitzerszene ein? „Wir verkaufen nicht ans Pacha“, widersprach 90-Grad- Eigentümer Nils Heiliger am gestrigen Sonntag allen Verkaufsgerüchten. Allerdings gab er im Gespräch mit den Tagesspiegel zu, dass die Tage des 90 Grad gezählt sind. Zumindest in seiner jetzigen Form und an seiner aktuellen Adresse. Denn spätestens im Jahr 2006 muss der Club aus seinem Gebäude ausziehen. Das Gelände liegt am Gleisdreieck, auf dem Neues geplant ist. Anfangs sollte hier ein Park her, jetzt gibt es Ideen, auf der Fläche auch noch ein paar Häuser zu bauen. Der Park gehört zu den so genannten Ausgleichsmaßnahmen für Berlins Metropolenbauten, für die viel Grün wegbetoniert wurde. „Ob daraus etwas wird, ist ja völlig unklar“, meint Heiliger, „aber die Behörden bestehen auf dem Termin 2006.“ Schon ein Jahr zuvor soll es ein neues 90 Grad geben. Motto: größer, schicker, glamouröser. Kein Vergleich also zum derzeitigen Domizil, einer ehemaligen Autowerkstatt, in der es bisweilen schon recht eng wird. „Wir planen einen Metropolen-Club“, sagt Heiliger, der sich mit seinen Partnern („Wir bleiben zusammen“) schon auf die Suche nach neuen Räumlichkeiten gemacht hat. Ein altes Theater wäre nicht schlecht, meint Heiliger und hat dabei offensichtlich die Konkurrenten vom „Goya“ im Blick, die Ende 2004 im Metropol am Schöneberger Nollendorfplatz (nicht zu verwechseln mit der geschlossenen Operettenbühne in Mitte) einen Club für gehobene Ansprüche eröffnen wollen.

„Das neue 90 Grad soll nicht westlastig werden“, sagt Heiliger, dessen Gäste am heutigen Ort schon mal den Eindruck machen, als träfe sich das junge Charlottenburg-Wilmersdorf mit den Altersgenossen aus Steglitz-Zehlendorf zur Diskotour. Der Clubchef sieht sich nach Orten um, die auf „neutralem Gebiet“ liegen. Also das Szeneviertel in Mitte? Heiliger verneint. Dann doch lieber ein paar Grad weiter westlich. Aber fest steht noch nichts. Vor dem neuen 90 Grad ist aber noch die Eröffnung einer Bar geplant. Termin: Februar oder März 2004.

Wenn das Schöneberger 90 Grad schließt, dann endet die Ära eines weiteren Clubs, der in den wilden Wendezeiten entstanden ist. Die Partymacher Bob Young und Britt Kanja drehten im Herbst 1989 zum ersten Mal die Boxen auf. Der Laden lief einige Jahre bestens, doch dann erlag das hippe Publikum zusehends den Verlockungen Mittes. 1999 stiegen Nils Heiliger und seine Partner ein, setzten auf das Reich-und-schön-Image. Mit Erfolg. Die Türsteher wurden strenger, aber der Name blieb: 90 Grad. Über seine Entstehung streiten sich die Experten. Version 1: Das Erste, was Bob Young beim Anblick der Räume einfiel, war: „My God, it’s so German, tutti quadratti!“ Ein Ort der rechten Winkel, 90 Grad eben. Version 2: Vor dem Club trifft die Dennewitz- auf die Kurfürstenstraße – ebenfalls im 90-Grad-Winkel. Für künftige Generationen könnte man ja noch einen Erklärungsversuch hinzufügen: den mit der Temperatur. Denn in der alten Werkstatt kommen selbst coole Typen wie Dustin Hoffman und George Clooney ins Schwitzen.

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