Berlin : Die Absicht, eine Mauer zu errichten

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Eigentlich kam Jutta Geide an diesem Wochenende nach Berlin, um sich die Stadt anzuschauen und sich zu amüsieren. Mit ihrer Freundin wollte sie ein Musical besuchen, dafür kamen die beiden Frauen extra aus Kiel angereist. Doch nun stehen sie am Brandenburger Tor, beobachten skeptisch einen überschaubaren Menschenauflauf und wissen nicht so recht, was sie von dem, was sich da vor ihnen abspielt, halten sollen: Ausgerüstet mit einer ziegelgemusterten Tapetenrolle fordern die Demonstranten den Wiederaufbau der Mauer und skandieren Parolen wie „Einzig die Teilung bringt dem Land die Heilung“. Lachen können die beiden Hanseatinnen über solche Forderungenen jedenfalls nicht, obwohl sie durchaus Humor haben, wie sie betonen.

Mit einem Marsch zum Brandenburger Tor feierte das Satiremagazin „Titanic“ gestern Nachmittag die Zulassung seiner politischen Organisation „Die Partei“: Zu den Landtagswahlen in NordrheinWestfalen soll sie antreten, da wurde gleich schon mal der Wahlkampf gestartet. Etwa 200 Teilnehmer konnte „Titanic“-Chefredakteur Martin Sonneborn für seinen Umzug mobilisieren, der unter dem Motto „Wider die Einheitsheuchelei“ stand und von der Siegessäule zum Pariser Platz führte. Eigens dafür war er aus Frankfurt am Main gekommen.

Nicht jedem leuchtete das Anliegen sofort ein. „Ich dachte, das sind Studenten, die gegen Kürzungen an den Unis protestieren“, sagt Jutta Geide. Dafür, dass die zumeist jungen Leute mit platten Sprüchen mehr oder weniger laut und ernsthaft den Wiederaufbau der Mauer fordern und von Passanten mit verhaltenem Beifall honoriert werden, hat sie kein Verständnis. Da kann Chefredakteur Sonneborn, zugleich Bundesvorsitzender der „Partei“, noch so sehr sein Ehrenwort darauf geben, „dass mit uns an der Mauer kein Schießbefehl zu machen ist“. Einem Schweizer Touristen erschien das Ganze immerhin als ein guter Scherz. „Jedenfalls besser als der geplante Wiederaufbau des Stadtschlosses.“

Martin Sonneborn zeigte sich nach dem Ende der Veranstaltung äußerst zufrieden und sieht der Wahl am 22. Mai selbstbewusst entgegen: „Alles unter 25 Prozent wäre eine Enttäuschung.“ hey

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