Berlin : Die Absurdität der Nudel

Ehre, wem Ehre gebührt: Loriot wurde Honorarprofessor der Universität der Künste

Andreas Conrad

Genau, so macht das ein Professor. Die Vorlesung ist zu Ende, sie schließt höflich mit Dank und mündet unabwendbar in die Floskel: „Noch Fragen?“ Natürlich ist das nur rhetorisch gemeint, ist zugleich ein letztes beiläufiges Augenzwinkern, Kokettieren mit der neuen Rolle, bevor der Beifall losbricht und alle sich erheben, die Professorenkollegen und sonstigen Zelebritäten, die Studierenden und die Gäste, die einfach nur aus Lust auf Loriot gekommen sind in den Konzertsaal der Universität der Künste an der Hardenbergstraße. Es ist der ehrwürdigen Anstalt also gelungen, „im Rahmen einer Feierstunde das Durchschnittsalter ihrer Professoren bedrohlich anzuheben“, wie Vicco von Bülow es in seiner Dankesrede so trefflich formuliert hatte. Alle Einwände, die er gegen das Ansinnen, ihn zum Honorarprofessor zu ernennen, vorgebracht hatte, liefen ins Leere, der Hinweis auf den Vertrag, den er doch mit seinem Körper getroffen habe („Keine öffentlichen Auftritte mehr“), die Sorge auch, „dass nichts von mir zu lernen sei außer einigen altmodischen Umgangsformen“.

Da waren die Festredner der sonntäglichen Vormittagsstunde ganz anderer Meinung. Universitätspräsident Professor Lothar Romain vorneweg, der Vicco von Bülow mit Blick auf die alle Bühnensparten übergreifende, die versöhnende Kraft seiner Kunst gleich als Chef einer doch denkbaren Synode der Theaterökumene empfahl; sodann Professor Harald Clemen, Studiengangsleiter Schauspiel, der sich angesichts der „Freudenschreie“, die ihm auf den Lippen lagen, und der „Freudentänze“, die in seinem Körper steckten, um die angemessene Wortwahl sorgte. Dann schilderte er aber doch ganz wortgewandt eine Zufallsbegegnung mit Loriot, die ihn spontan in Lachen ausbrechen ließ, obwohl Loriot, wie er dem dann ratlos zur Entschuldigung sagte, gar nichts Komisches getan habe. „Darauf hob Loriot den Finger: ,Vielleicht ist dies das Geheimnis.‘“

Das Wesen des Bülowschen Humors suchte auch Peter Wapnewski, Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs und Freund des neuen Honorarprofessors, zu ergründen. In einer Laudatio übrigens, die an Lachreizen denen der späteren (in dieser Zeitung dokumentierten) Dankesrede von Bülows ebenbürtig war – wenngleich sie auch ein Scheitern des Redners dokumentierte. Denn mit seinen Versuch, den mühevollen Auftrag an die Person, um die es dabei ging, kurzerhand weiterzugeben, da doch nur Loriot die rhetorische Kraft besitze, angemessen über Loriot zu sprechen, war Wapnewski ins Leere gelaufen. Er müsse, so Loriot zu dem unwilligen Laudator, am 1. Juni an einer „lästigen Übergabezeremonie von irgend einer blöden Ernennungsurkunde“ teilnehmen. Wapnewski hat seine Aufgabe dann doch zur Zufriedenheit erfüllt, sprang von Lawrence Sterne zur Steinlaus, von Thomas Mann zur Loriot-Nudel, pries diesen als „Humoralpsychologen“ und seinen Humor als die „Fähigkeit, die Schwächen und Fragwürdigkeiten des eigenen Ich zu erkennen“, kurz: die „Absurdität der Normalität“ zu sezieren, „im Lachen die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit dem Lachen preiszugeben, im Lachen die Wahrheit zu ergründen“.

Die Abbildungen entnahmen wir dem „Großen Loriot Buch – Gesammelte Geschichten in Wort und Bild“ (Diogenes 1998). Loriots Rede auf Seite 25 .

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