Berlin : Die Ängste des Mädchens und des Ministers

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Im April gastierte Iris Berben schon einmal im Berliner Ensemble, mit ihrer Lesung aus den Tagebüchern von Anne Frank und Joseph Goebbels. Sie kombiniert datumsgleiche Texte der beiden, ohne sie gleichzusetzen. Der Abend wird ergänzt durch ehemals verbotene Lieder von Hollaender und Weill. Heute ist Iris Berben wieder dort. Matthias Oloew sprach mit ihr über Angst, Verantwortung und eine Auszeichnung, die wehtut.

Das Tagebuch der Anne Frank ist Pflichtstoff an den Schulen. Auch für Sie?

Ich habe mich drei Mal damit beschäftigt. Zuerst als Pflichtstoff, in der Schule, dann nach der Wende, als ich aus Anlass der Zusammenführung der beiden Berliner jüdischen Gemeinden aus den Texten las und sie mit Briefen kombinierte, in denen Kinder ihre Gedanken zum Golfkrieg niederschrieben; und zum dritten Mal jetzt, wo ich ihr Tagebuch denen von Joseph Goebbels gegenüberstelle. Jedes Mal habe ich neue Erkenntnisse gewonnen und bin fasziniert von ihrer analytischen Beobachtungsgabe. Aber auch von ihrer Bockigkeit und ihrer Ironie.

Wie kam es zu der Idee, aus beiden Tagebüchern zu lesen?

Entstanden ist das nach meiner Lesetournee mit dem Buch „Mama, was ist Auschwitz?“. Michael Verhoeven und ich haben uns dann zusammengesetzt und überlegt, wie man das machen kann. In beiden Tagebüchern geht es schließlich um Angst.

Hatten Sie keine Befürchtungen, Goebbels dadurch menschlicher erscheinen zu lassen?

Nein, denn es sind zwei verschiedene Arten von Angst. Bei Anne Frank eine persönliche, und bei Goebbels die Furcht davor, dass das Volk nicht durchhält bis zum so genannten Endsieg. Es war bei ihm nie eine Angst vor dem persönlichen Versagen.

Die Angst von Anne Frank stellt die Frage nach der Schuld.

Ja, aber darum geht es mir nicht. Ich würde mir wünschen, dass man sich der Geschichte bewusst wird und seiner Verantwortung, die daraus erwächst. Aber es geht mir auch darum zu zeigen, dass alltägliche Kleinigkeiten wichtig sind, um gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit einzutreten. Es ist nicht nötig, in die Rolle des Mahners zu schlüpfen und daraus einen Vollzeit-Job zu machen.

Sie lesen vor ausverkauften Häusern. Hat der Erfolg etwas mit dem n Iris Berben zu tun, mit dem Thema Holocaust, oder ist es die Kombination von beidem?

Natürlich auch Letzteres. Ich setzte meine Persönlichkeit, meine öffentliche Funktion bewusst ein, um auf das Thema aufmerksam zu machen.

Was wollen Sie erreichen?

Ich hoffe, dass alle, die sich sagen: ,Ich bin ja kein Antisemit, ich denke ja nicht so’, sich der Situation bewusst werden. Ich will die Normalität im Umgang mit dem Thema zeigen, dass man die Geschichte annimmt, sich bekennt und entsprechend bewusst handelt.

Im September bekommen Sie von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin die Leo-Baeck-Medaille...

Das hat mich sehr gefreut, aber auch mit Scham erfüllt.

Warum?

Weil ich für mein Dafürhalten nur etwas getan habe, was selbstverständlich ist.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?

Eine ungeheure Verantwortung.

Mehr noch als beim Bundesverdienstkreuz, das Sie verliehen bekamen?

Die Leo-Baeck-Medaille ist eine Auszeichnung, die wehtut.

Weil Toleranz und Akzeptanz noch nicht selbstverständlich sind?

...und weil das Thema Antisemitismus noch immer aktuell ist.

Sie meinen die Diskussion um Möllemann.

Das war unerträglich, weil es verantwortungslos war. Sprache ist ein Teil des Machtinstruments von Politikern, und deshalb muss man im Umgang damit sehr sorgfältig sein. Schlimm ist, dass jetzt so getan wird, als habe es durch Möllemann eine Enttabuisierung gegeben. Es gab nie ein Tabu. Natürlich war es möglich, seine Meinung zur Politik im Nahen Osten zu sagen.

Lassen sich mit antisemitischen Ressentiments politisch wieder Punkte sammeln?

Das hoffe ich nicht. Es ist nicht die breite Bevölkerung, die so denkt. Aber es ist eine Hemmschwelle weggebrochen. Es wird wieder viel zu schnell ein Sündenbock gesucht.

Iris Berben liest aus den Tagebüchern von Anne Frank und Joseph Goebbels heute um 21 Uhr im Berliner Ensemble.

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