Berlin : Die Ära, die nicht enden will

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In einem Interview während der Filmfestspiele des Jahres 2000 sagte er: "Ich bin erst 59. Meine Kollegen in Cannes sind über 65. Jedes Jahr will man mich loswerden - und sehen Sie, ich bin immer noch da."

Moritz de Hadelns erstes Berliner Festival: 1980. Wolf Donner, sein Vorgänger als Leiter der Berlinale, war nicht lange geblieben und hinterließ trotzdem einen starken Eindruck. Donner, der Reformator, liebte die Filmkunst und den Streit. Donner war links. In diesem Ruf stand auch Ulrich Gregor, der Leiter des "Forums", der zweiten Festivalschiene. Es war eine Zeit, in der die Entscheidungsberechtigten nach einem Kandidaten suchten, der voraussichtlich weniger Ärger als Donner machen würde. Bloß kein politischer Kopf, bloss kein Ästhet. Eher etwas Handfestes. Der Brite Moritz de Hadeln hatte ein Festival in seiner Wahlheimat geleitet, der Schweiz, und ein paar Dokumentarfilme gemacht. Er konnte viele Sprachen. Am liebsten verwendete er sie alle gleichzeitig.

De Hadeln holte zweifellos Stars nach Berlin, vor allem am Anfang. Glamour. Claudia Cardinale, Lino Ventura, Michel Piccoli, James Stewart, Jeanne Moreau: So hießen die Gäste eines einzigen Jahres, 1982. Aber de Hadelns Geschmack blieb ein Rätsel. Er hatte keine Linie, war er nun für das amerikanische Starkino oder für die europäische Filmkunst? Er versuchte beides und verärgerte damit die meisten Kritiker. Auch die deutschen Regisseure fühlten sich manchmal schlecht behandelt. Schon in den ersten Jahren hieß es oft: Der hält sich nicht lange. Aber de Hadelns taktisches Geschick und seine Hartnäckigkeit wurden unterschätzt.

Seine Auftritte blieben 20 Jahre lang gewöhnungsbedürftig. Immer wieder flocht Moritz de Hadelns Zunge unvergessliche Sätze, 1999 zum Beispiel: "Die Shoah hat für Verwirrung gesorgt." In den Chroniken steht auch Streit um Filme, wie er für ein Festival eher gut ist. Der Streit um Reinhard Hauffs "Stammheim" zum Beispiel, Gewinner des Goldenen Bären 1986, von dem sich das Jury-Mitglied Gina Lollobrigida öffentlich distanzierte. Aber welcher Regisseur verdankt dem Berliner Festival unter de Hadeln wirklich seine Karriere? Wen hat er gefördert oder entdeckt? Am ehesten wohl den Chinesen Zhang Yimou, der 1987 den Goldenen Bären gewonnen hat. Ende der achtziger Jahre, eine gute Zeit für das Festival. Im Ostblock lockerte sich die Zensur, Berlin war Drehscheibe zwischen Ost und West.

In den neunziger Jahren wurde de Hadeln oft mit Helmut Kohl verglichen. Die Ära, die nicht enden will. Er war er ein Bestandteil des fein ausbalancierten West-Berliner Machtsystems geworden, das sich nach dem Mauerfall auf die Gesamtstadt ausgedehnt hat. De Hadeln war selten da, außerhalb des Festivals. Er machte wenig Ärger. Und Gregor, der Anwalt der Cineasten, sein ewiger Rivale: Den wollte er, wenn er ihn schon nicht stürzen konnte, doch wenigstens überdauern. Instinktiv wehrte de Hadeln sich gegen den Umzug des Festivals an den Potsdamer Platz. Die Zeit: ein Feind, der am Ende immer gewinnt.

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