Die Ärzte aus Berlin : Heulen vor lachen

Sie leben woanders und berlinern nur selten. Sie kommen aus Spandau und Frohnau, aber Lokalpatriotismus liegt ihnen nicht. Im Interview erzählen die Ärzte, wie es zum Schweden-Lied kam, was ihnen an den Village People gefällt und warum sie „Männer sind Schweine“ nicht mehr spielen

von und Sven Goldmann

Schön, dass wir Sie alle drei am Tisch am haben. Sie sind also die Ärzte

Rod: …aus Berlin.

Farin: …auuus Berlin!

Dieser Spruch ist aber auch das einzige, was auf Konzerten noch an ihre Berliner Vergangenheit erinnert. Sie berlinern nicht mal.

Bela: Doch, doch! Früher, im Lied „Die Allerschürfste“…

Rod: Außerdem gibt es doch den Klassiker „12-3-4 Bullenstaat“, da berlinern die Ärzte sehr wohl .

Die Lieder sind über zehn Jahre alt.

Bela: Auf dem neuen Album ist ein Lied dabei, da berlinere ich in einem Satz. Was wollen Sie denn hören? Sollen wir unsere Heimat als die beste Stadt der Welt abfeiern? Nee, darauf haben wir keinen Bock, das ist Lokalpatriotismus, das sollen mal schön andere machen.

P.R. Kantate singt in „Görli, Görli“ über Berliner Plätze, die Sänger der Band Seeed berlinern, die Beatsteaks haben eine Hommage an ihren Heimatbezirk geschrieben.

Bela: Auch ich bin stolz, Berliner zu sein – aber ich muss damit nicht angeben. Das sollen andere machen.

Sie, Bela, sind in Spandau aufgewachsen – und wohnen jetzt in Hamburg. Sie, Farin, sind in Frohnau aufgewachsen – und wohnen jetzt in der Lüneburger Heide.

Farin: Und Rod ist chilenischer Gastarbeiter.

Rod: Danke. Aber jedenfalls haben die beiden sehr wohl eine Verbundenheit zu ihrer Heimat, glauben Sie mir das. Bela hat sich doch mal den Namen „Spandau“ auf den Bauch tätowieren lassen.

Bela: Vielleicht ist das keine schlechte Idee, so ein Lied über Spandau…

Farin: …obwohl das ja Mikrolokalpatriotismus wäre, stimmt’s, Herr Segefelder?

Bela: Na klar, Herr Senheimer. So haben wir uns früher genannt. Farin hat in der Senheimer Straße gewohnt, ich in der Segefelder Straße.

Warum wohnen Sie nicht mehr in Berlin?

Bela: Ach, ich hatte so meine Probleme mit der Stadt, nachdem die Mauer fiel. All die Immobilienhaie, diese Goldgräbermentalität, das wollte ich nicht. Da bin ich lieber nach Hamburg gezogen.

Farin: Ich komme übrigens vielleicht bald zurück – nicht in die Stadt, sondern ins Umland.

Bela: Irgendwie ist Berlin schon noch unsere Heimat. Wenn ich hier vorbeischaue, dann schlafe ich bei Kumpels, und die sind dann auch verantwortlich für das Abendprogramm. Wenn Sie so wollen: Ich bin dann Gast. Andererseits: Wenn ich mit meinem Auto vor Berlin auftauche, die gelben Ortseingangsschilder sehe, dann denke ich: Hey Berlin, alter Kumpel! Ich bin zu Hause.

Und wo ist Ihr Berlin?

Rod: Überall, aber ich zum Beispiel muss das trendige Berlin nicht haben. Prenzlauer Berg, Friedrichshain – meine Güte, da waren alle, als es hip war. Ich nicht. Ich saß am Stuttgarter Platz in Charlottenburg, in einer Eckkneipe, und da habe ich mein Bier getrunken. Mit Freunden.

Und Sie, Bela?

Rod: Na, erzähl schon! Du gehst doch immer in die Eierschale, an den Ku’damm schön nobel ins Eden.

Bela: Mensch, Rod, ich war da wirklich drin! Wie so ein Tourist! Als ich ins Eden reinkam, hing da erstmal ein Foto von Sascha Hehn.

In diesen Diskotheken werden auch mal gern Ihre Lieder gespielt…

Bela: …und eines haben wir schon verloren. „Männer sind Schweine“, wir werden es nie wieder live spielen.

Was ist passiert?

Farin: Wir haben Beifall von der falschen Seite bekommen. Auf dem Münchner Oktoberfest. Auch vom Ballermann auf Mallorca. Da haben Typen im Unterhemd gesungen, zeitgleich den Strohhalm in einen Fünf-Liter-Eimer Sangria gesteckt und gesoffen und gegrölt. Das will ich nicht. Nicht dass wir uns falsch verstehen, das ist kein Lied für Models, aber ich verzichte auf diesen Beifall.

Ihr Lied „Westerland“…

Farin: …ist nicht verloren, aber es ist auf dem besten Weg. Neulich hat Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust das Lied gelobt, wie toll er das findet, aber er hat das Lied nicht kapiert! Das ist keine Hommage an die Insel Sylt, „Westerland“ ist eine große Verarschung.

Bela: Da gibt es noch ein Beispiel: Wir haben mal gezielt ein Sauflied geschrieben, gesungen wird es von…

Farin: …mir!

Bela: Und Farin raucht bekanntlich nicht, er isst kein Fleisch und er hat noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt. Aber er singt das Sauflied. Verstehen Sie, was ich meine?

Farin: Aber kommen Sie bloß nicht auf die Idee, uns als Funpunkband zu bezeichnen.

Was wäre so schlimm dabei?

Bela: Funpunk folgt einem anderen Prinzip: Saufen und darüber singen. Bier ist also Punk. Das ist es aber nicht.

Farin: Wir sind auch keine Spaßcombo. Klar, wir reden viel Blödsinn, wir reißen Witze, kurzum: Wir sind verdammt reich geworden durch verdammt viel Schwachsinn. Aber nennen Sie uns eine Rockband.

Sie sagen das so ernst.

Bela: Ja, weil es nervt. Wir sind halt nicht immer lustig. Wir sind keine Berliner Blödelbarden und auch nicht die Dieter Hallervordens der Musikbranche.

Farin: Aber überall werden wir so hingestellt. Hallo!? Wir singen auch gegen Nazis, und das ist verdammt nochmal kein lustiges Thema. Ich lache nicht über Faschisten.

Wie würden Sie Ihr Standing in Deutschland beschreiben?

Farin: Wir sind seit 20 Jahren im Geschäft. Im Juni kommenden Jahres treten wir in der Wuhlheide auf, drei Mal hintereinander, und wissen Sie was? Wir haben schon jetzt fast 50000 Tickets verkauft…

Bela: …ohne auch nur ein Plakat zu kleben.

Farin: Wenn Sie so wollen: Wir sind eine feste Institution in Deutschland.

Wie wird man das? Sie tauchen ja nicht in der „Gala“ auf, nicht in „Bunte“, Sie sind auf keinen Vip-Empfängen zu sehen. Und über Ihr Privatleben erfahren wir auch nichts.

Bela: Weil es Sie nichts angeht.

Farin: Wenn ich über einen roten Teppich laufe und zu allem meinen Senf abgebe, dann bin ich auch damit einverstanden, dass der Boulevard mich ausschlachten darf. Diesen Deal machen wir nicht mit.

Mit der „Bravo“ hatten Sie Stress…

Farin: …weil die etwas zu neugierig waren und unsere Privatsphäre nicht respektiert haben. Es gab einen Riesenstreit. Wir haben in den Neunzigerjahren mal einen „Bravo-Otto“ bekommen für die erfolgreichste deutsche Rock-Band des Jahres. Wir haben den nie abgeholt. Wegen des Streits.

Rod: Dabei war so ein „Otto“ das Größte, unsere Freundinnen wären auf die Knie gegangen.

Farin: Wer den „Otto“ gewann, war auf einer Ebene mit dem Mond. Wir haben unsere Linie trotzdem durchgezogen. Der Preis dafür ist der, dass wir weniger Auszeichnungen erhalten.

Bela: Ich habe auch keinen Bock, mich neben einen Typen wie DJ Bobo zu stellen. Der mag nett sein, aber seine Musik ist furchtbar. Aber es ist auch so: Wenn du nicht kommst, wird dir auch kein Preis verliehen. Die Veranstalter wollen sich ja auch mit dir schmücken. Beim FC St. Pauli etwa…

…dem Fußballverein aus Hamburg mit dem eher alternativen Image…

Bela: …da wurde mir angeboten, dass ich mich als Promi auf die Ersatzbank setzen darf. Nee, wollte ich nicht. Ich will Fußball gucken, keine Privilegien.

Sie haben dem Verein Geld gespendet.

Bela: Halt, halt! Ich habe kein Geld gespendet, wir haben den Fans einen Toilettencontainer spendiert. Und jetzt, da es dem Klub schlecht geht, habe ich auch den „Weltpokalsiegerbesieger-Ball“ ersteigert, mit dem haben sie vor zwei Jahren Bayern München geschlagen. Es war eine große Summe, aber für einen guten Zweck.

Farin: Darf ich aber anmerken, dass es Menschen gibt, die Hilfe dringender notwendig haben als ein Fußballverein?

Bela: Sie können davon ausgehen, dass die Summe, die ich der Organisation „Ärzte für die dritte Welt“ gespendet habe, doch ein bisschen höher liegt als die für einen Fußball.

Seit Montag ist Ihre neue CD auf dem Markt – sie trägt den seltsamen Namen „Geräusch“.

Bela: Der passt. Generell gilt: Wer eine Platte von uns kauft. muss mit allem rechnen. Alle möglichen Musikrichtungen, sogar Weltmusik.

Unter anderem „Jag älskar Sverige“ – eine karibische Hommage an Schweden.

Bela: Nun, wir können es erklären, die schwedische Regierung hat uns schon in den frühen Jahren unserer Karriere finanziell unterstützt. Die Norweger sind zu arrogant, und die Finnen…

Farin: Die wahre Geschichte sieht so aus: Ich habe ein Lied geschrieben. Den beiden anderen aber hat der Text nicht gefallen – mir aber die Melodie. Also haben wir uns auf einen Kompromiss geeinigt. Das fügt sich jetzt wunderbar. Diese Blumenketten, dieses Aloha-he am Flughafen von Malmö, wenn sie uns Willkommen heißen, weil: Schweden ist als Insel bekanntlich schwer zu erreichen.

Dazu passt auch die Idee, die Discoband Village People für das Vorprogramm Ihrer Tour zu engagieren.

Farin: Wir wollten etwas Schräges machen, den größtmöglichen Gegensatz zu den Ärzten. Bela und ich saßen irgendwann zusammen, da kam die Idee: Village People. Wir mussten erstmal heulen vor lachen.

Bela: Stellen Sie sich das vor: Wir, die den Punk erfunden haben, treten mit den Disco-Boys der Siebzigerjahre auf.

Farin: Wir müssten auf unserer Internetseite eigentlich ein Video zeigen. Wo die Fans dann lernen könnten, wie sie sich bei „YMCA“ zu bewegen haben. Arme nach außen strecken, das ist das „Y“, dann die Arme gebogen über dem Kopf…

Bela: Das wird die Absurdität des Jahrhunderts. 17000 Menschen tanzen in der Wuhlheide zu YMCA. Die Village People sind unser Meisterwerk.

Das Gespräch führten André Görke und Sven Goldmann.

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