Berlin : Die Ärzte haben über Gebühr zu tun

Manche Patienten müssen jetzt lange bei der Anmeldung warten

Ingo Bach

DIE GESUNDHEITSREFORM IN DER PRAXIS

Manche Ärzte hatten noch im alten Jahr gemutmaßt, dass die Praxisgebühr ihre Patienten vertreiben würde. Das Gegenteil trat ein: Reges Geschäft meldeten die niedergelassenen Mediziner am Montag, dem ersten „normalen“ Praxistag des neuen Jahres. „Wir haben mehr zu tun als vor einem Jahr“, sagt zum Beispiel Angelika Prehn, Hausärztin in Friedrichshain. Binnen viereinhalb Stunden behandelte sie 80 Patienten, ihr Kollege Christian Bohle mit einer Hausarztpraxis in Wedding brachte es in drei Stunden auf rund 90 Patienten. Trotzdem sei es gestern meist ruhig geblieben, sagt die Sprecherin der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Annette Kurth, – bis auf einige, wenige Pöbeleien frustrierter Patienten, die zur Kasse gebeten wurden. „Die meisten Patienten wissen über die neuen Belastungen Bescheid.“

Zum Teil mussten sie länger warten, als es noch im Dezember der Fall gewesen wäre. Denn die seit dem 1. Januar gültige Gesundheitsreform verlangt Ärzten wie Kranken durch den bürokratischen Aufwand einige Geduld ab: „Wenn ich neben der Zettelausfüllerei zum Abhorchen komme, dann freue ich mich schon“, sagt Prehn. „Schließlich ist das meine richtige Arbeit.“ Doch die meiste Arbeit haben die Arzthelferinnen. Lange Schlangen von Patienten warteten gestern an den Anmeldeschaltern in vielen Berliner Praxen. Denn es ist Quartalsbeginn: Chipkarte einlesen, Krankenakte anlegen – das war auch bisher normal. Jetzt kassieren die Helferinnen auch noch die zehn Euro Praxisgebühr und drucken Quittungen aus.

Die Quittung ist wichtig für die Patienten, die alle Zuzahlungsbelege sammeln müssen, um irgendwann im Laufe des Jahres nachweisen zu können, dass ihre Belastungsgrenze erreicht ist und sie ihre Krankenkasse für den Rest des Jahres von Zuzahlungen befreit. Doch sie reicht nicht, um für weitere Arztbesuche im Quartal keine Praxisgebühr mehr entrichten zu müssen. Dafür braucht der Kranke eine Überweisung des Arztes, bei dem er die zehn Euro bezahlt hat (siehe nebenstehenden Artikel). Diese Regelung soll den unnötig häufigen Arztwechsel, beschränken. Der überweisende Arzt soll sich den Patienten anschauen, ob der wirklich einen Facharzt benötigt. Doch viele Hausärzte sagen, dass dies vom Zeitaufwand gar nicht machbar sei. „Die Überweisungen muss meine Arzthelferin ausfüllen“, sagt Christian Bohle. Nur wenn ein Wunsch besonders auffällig sei, weil zum Beispiel ein Patient Überweisungen an zwei verschiedene Ärzte einer Fachrichtung will, „dann frage ich den schon, warum“.

Zusätzliche Verwirrung stiftete ein Bonusprogramm der Berliner AOK. Die Kasse erlässt allen Versicherten, die an einem Behandlungsprogramm für chronisch Kranke eingeschrieben sind, die Gebühr. „Die Patienten müssen trotzdem zahlen“, sagt dagegen KV-Sprecherin Annette Kurth. „Es gibt noch keine Vereinbarung zwischen uns und der Kasse.“ Bis zu einer Einigung erstatte die AOK die von den betroffenen Patienten bezahlte Praxisgebühr, sagt AOK-Sprecherin Gabriele Rähse.

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