Berlin : Die allerschickste Adresse

Unter den Linden 1 wird künftig die neue Repräsentanz von Bertelsmann als Ort der Kommunikation und Kultur geführt. Die Eröffnung feierten die Medienmächtigen

Elisabeth Binder

Auf den Buchdeckeln steht „Bertelsmann“ drauf, aber darunter verbergen sich keine trockenen Worte, sondern Köstlichkeiten. Schwertfisch-Carpaccio zum Beispiel, mit roten Grapefruit-Filets. Serviert werden die Buch-Attrappen auf großen Tabletts und von besonders hübschen Kellnerinnen. Aber darauf achtet natürlich niemand bei einem Event, das so wichtig ist, dass sogar der Bundeskanzler höchstselbst die Festansprache hält und als Vorgruppe einen Redner mit den Titeln „Dr.Dr. h.c. mult.“ hat. Auf die Reden achtet eigentlich auch niemand so richtig, obwohl die vom Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden Gunter Thielen sogar sehr nett und lustig ist.

Denn natürlich sind alle viel zu beschäftigt damit, das neue Gebäude in Augenschein zu nehmen und sich zu überlegen, wie sie es für ihre eigenen Zwecke nutzen könnten, was ja nirgendwo so nahe liegt, wie bei einem Haus mit der wirklich todschicken Adresse „Unter den Linden 1“. Nicht zu fassen, wie gut sich das auf Einladungs-Kärtchen macht.

Da bleiben allenfalls steinreiche Designerinnen wie Jette Joop cool, die ein neues, selbst entworfenes Schmuckstück um den Hals trägt (Herzen, die sich berühren, umschlungen von einem goldenen Kreis) oder berühmte Schauspielerinnen wie Iris Berben, die das Haus hat wachsen sehen und es deshalb, na logo, ganz einfach liebt.

Pragmatiker wie Deutschlands oberster Event-Manager Manfred Schmidt rechnen schon aus, wie viele Leute man bewirten kann an diesem künftigen „Ort der Kommunikation“, wie es in den Reden so schön hieß. Er kommt auf die Zahl 1500, während er so tut, als rede er mit dem Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der aber seinerseits auch nur rechnet, nämlich wie weit es ist vom künftigen Berlinale-Spielort Zeughaus, bis hier herüber. Wegen der Stars. Und weil man denen ja jedes Jahr was Neues bieten muss, um sie zu den Empfängen zu locken.

Zum Zeughaus ist es wirklich nicht so besonders weit, das kann man sehen, wenn man für einen Augenblick auf den Balkon tritt und auf die Linden blickt mit ihren Limousinen und auf den Dom, der so monumental aussieht in dieser angestrahlten Nacht und zusammen mit den Limousinen auch sehr hübsch die Kombination vom alten und neuen Berlin repräsentiert, von der vorhin so oft die Rede war.

Wenn die Mächtigen Einzug halten in der Stadt, sind sie alle da, nicht nur die führenden Gastgeberinnen in Gestalt von Isa Gräfin von Hardenberg und Alexandra von Rehlingen, die wahrscheinlich alle ungefähr das Gleiche denken wie Manfred Schmidt, sondern natürlich auch Adalbert Rohloff, Ehrenmitglied des Berliner Presseclubs, sowie der Regierende Bürgermeister und sein sensibler Sprecher Michael Donnermeyer, der es irgendwie „ein bisschen blasphemisch“ findet, dass dieser supertüchtige Computer eine Illusion von der Sixtinischen Kapelle an die Decke projiziert. Dabei ist das doch wirklich das Naheliegendste überhaupt. Denn wo, wenn nicht hier, am künftigen „Ort der Kommunikation“, den der steinreiche Medienkonzern der Stadt geschenkt hat, werden die frohen Botschaften unserer Tage zusammengeschmiedet von den Meinungsführern und den Society-Ladys?

Jedenfalls hat sich die etwas schräge Konversation mit dem Bürgermeister-Sprecher so verwirrend ausgewirkt, dass das wirklich hübsche Ensemble aus Günther Jauch, Anne Will und Sandra Maischberger von weitem plötzlich aussieht wie ein modernes Heiligenbild, was bei so großen Stars ja nicht so weit hergeholt ist, denn Heilige waren in der Regel schließlich asketische Menschen und deshalb wahrscheinlich genauso dünn wie heute die Fernseh-Helden.

Und dann löst sich trotz der wirklich tollen Canapés alles relativ schnell wieder auf, denn man hat ja nicht ewig Zeit, nicht mal für ein A-Klasse-Event mit allen Medienmächtigen des Landes. Was schließlich bringen schon Frühlingsröllchen, wenn sogar Boris Becker, Autor des Muss-muss-muss-Buches dieser Woche, schon wieder weg ist. Und der ganze aphrodisierende Duft der Macht sich langsam verflüchtigt.

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