Berlin : DIE ANALYSE Die Fachhochschul-Chance

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Für die Berliner Hochschulen gab das Land Berlin im vergangenen Jahr 1,36 Milliarden Euro aus. Das sind (pro Einwohner) 73 Prozent mehr als im Länderdurchschnitt und 16 Prozent mehr als Hamburg. Allein 263 Millionen Euro wurden als Zuschuss für Lehre und Forschung in der Medizin ausgegeben. Aber auf längere Sicht sollen bei der Hochschulmedizin 98 Millionen Euro eingespart werden. Das hat der Senat vor genau einem Jahr beschlossen. Gutachten einer unabhängigen Expertenkommission und des Wissenschaftsrates liegen vor. Sie werden die Leitlinie für die Umsetzung dieses Sparbeschlusses sein.

Für den übrigen Hochschulbereich wurde noch nicht untersucht, welche Effizienzreserven es gibt. Auch hier gelte, so die Meinung von Finanzsenator Thilo Sarrazin, dass „viel“ nicht gleichbedeutend mit „gut“ ist. In der Qualität der Lehre lägen die Berliner Universitäten in den bisher veröffentlichten Ranglisten in den meisten Bereichen keineswegs in der Spitzengruppe. Außerdem seien nicht alle Studiengänge in Berlin gleichermaßen bedeutend für Wirtschaft und Arbeitsmarkt. So würde der Wissenschafts und Wirtschaftsstandort Berlin wohl kaum negativ beeinträchtigt werden, wenn es in Berlin statt etwa 13000 Germanistik-Studierenden in den unterschiedlichsten Studiengängen an drei Fakultäten „nur“ noch 7000 an einer oder zwei Fakultäten gäbe.

Nach Einschätzung der Finanzverwaltung gibt es Hinweise auf folgende Einsparmöglichkeiten im Berliner Hochschulsystem:

In Berlin studieren nur 17 Prozent an Fachhochschulen, bundesweit dagegen 24 Prozent. Fachhochschulen sind aber bei vergleichbaren Berufen (Betriebswirtschaft, Ingenieurwesen) viel kostengünstiger als Universitäten: Ihre Absolventen studieren kürzer und haben bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Im Jahr 2001 betrugen die Kosten je Absolvent an einer Berliner Fachhochschule mit 28000 Euro nur 36 Prozent der Kosten an einer Universität. Wenn von den circa 12000 jährlichen Absolventen 3000 Studierende mehr anstatt bislang 3650 an den Fachhochschulen ihr Studium beenden, ergibt dies ein Einsparpotenzial von 200 Millionen Euro.

An Berliner Universitäten (ohne Medizin) liegen die Gesamtkosten je Studienplatz um 16 Prozent über dem Niveau von Hamburg und um 38 Prozent über den Kosten von Schleswig-Holstein. Die Gesamtkosten der Lehre liegen in Berlin sogar um 56Prozent über dem Niveau von Hamburg und um 38 Prozent über dem Niveau von Schleswig-Holstein. Im Vergleich zu Hamburg bedeutet dies bei unveränderter Studentenzahl allein in der Lehre ein Einsparpotenzial von 110 Millionen Euro.

Interessant ist auch, dass es in Hamburg 36Prozent mehr Absolventen je wissenschaftlichem Mitarbeiter gibt als in Berlin. Gleichzeitig werden aber in Hamburg je wissenschaftlichem Mitarbeiter rund zehn Prozent mehr Drittmittel eingeworben als in Hamburg.

Die Gesamtkosten der Universitäten je Professor liegen in Berlin um 45 Prozent über dem Niveau von Hamburg und um 23 Prozent über dem Niveau von Schleswig-Holstein. Dies liegt auch daran, dass es an Berliner Universitäten je Professor rund 40 Prozent mehr Verwaltungspersonal gibt als in Hamburg oder in Schleswig-Holstein.

Auf die Effizienz des Studiums hat die großzügige Finanzausstattung der Berliner Hochschulen offenbar keine Auswirkung: Im Jahr 2000 waren in der Hauptstadt zwar 7,3 Prozent aller deutschen Studenten immatrikuliert, der Anteil der Absolventen lag aber nur bei 6,7 Prozent. Offenbar dauert in Berlin das Studium für den Staat länger als anderswo, oder es haben weniger Studenten Erfolg. Den Finanzsenator bestärken solche Daten in der Meinung, dass es im Berliner Hochschulsystem Rationalisierungsreserven von mindestens 30 Prozent der Kosten gibt und dass man sich um die Erschließung dieser Reserven bemühen muss. Tsp

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