Berlin : Die andere Bahn

Axel Sondermann stieg um: vom Konzernriesen zum Kurzstrecken-Marktführer, von Frankfurt nach Berlin. Jetzt leitet er Veolia

Klaus Kurpjuweit

Axel Sondermann hält Berlin für ein besonders gutes Pflaster. Und er redet gerne über die Vorteile dieser Stadt. „Sie hat eine große Anziehungskraft“, sagt er. Das sei nützlich für Firmenkontakte mit Kollegen aus anderen Ländern. Die kommen nämlich alle gern hierher. Sondermann ist seit Februar Deutschlandchef der Veolia Verkehr GmbH, die früher Connex hieß, Transportsparte der weltweit tätigen Veolia-Environnement-Gruppe mit Sitz in Paris. Die deutsche Niederlassung hatte ihre Zentrale bis 2004 in Frankfurt am Main. Der Firmensitz in Berlin sei wichtig, um in der Branche mitreden zu können, begründete das Management damals den Wechsel. „Die These hat sich bestätigt“, sagt Axel Sondermann. „In Berlin konzentriert sich die Verkehrswirtschaft.“

Hier gibt es Verkehrsunternehmen wie die Bahn AG oder eben Veolia, aber auch Hersteller von Eisenbahnfahrzeugen wie Bombardier oder Stadler. Und außerdem die Bundesregierung. Alles unter einem Dach, Betriebe und Behörde. Kurze Wege. Ein Ort für Strippenzieher.

Axel Sondermann fühlt sich schon richtig heimisch. „Mit Sack und Pack“ zog die fünfköpfige Familie vor einigen Monaten aus Hessen her. Für die neue Position hatte Sondermann, gerade 40 geworden, seinen Job bei der Deutsche Bahn AG aufgegeben – trotz anfänglicher Bedenken seiner Frau. Für die berufstätige Französin war der Weg von Frankfurt in ihre Heimat viel kürzer. Und die drei Kinder, eine siebenjährige Tochter und zwei Söhne, fünf und zwei Jahre alt, verließen ihr vertrautes Umfeld für den Papa.

Doch es hat alles funktioniert. In der Europaschule sei die Älteste perfekt untergekommen, sagt Axel Sondermann. Und der Kleinste geht in eine deutsch-französische Kita – in Frankfurt unmöglich, Pluspunkt für Berlin.

Für das Unternehmen Veolia lief der Ortswechsel nicht schlechter. Frankfurt war als Sitz der Zentrale ein passender Standort – mit den Verkehrsbeziehungen sogar einen Tick besser als Berlin. Doch die Hauptstadt ist jetzt fest ins Fernverkehrsnetz der Bahn integriert. Der neue Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) werde weiteren Schwung bringen, glaubt Sondermann. Das sagt einer, der kein Vielflieger ist. Der Chef fährt lieber Bahn – auch wenn er bei Fernreisen meist auf die Züge der Konkurrenz ausweichen muss. Veolia Verkehr ist zwar eines der wenigen Unternehmen in Deutschland, das eigene Fernzüge einsetzt, beschränkt sich aber auf die Verbindung Berlin-Leipzig. Im Sommer werden die Züge dann über Berlin hinaus bis Warnemünde fahren. Mehr Fernverbindungen plant das Unternehmen derzeit nicht. Der Versuch, die Strecke Hamburg–Berlin aufzunehmen, scheiterte, weil die Bahn sich nicht in der Lage sah, für die Züge freie Gleise in Hamburgs Hauptbahnhof zu schaffen.

Nun zählt für Veolia der Nah- und Regionalverkehr mit Bahnen und Bussen. Das Unternehmen ist zum führenden privaten Nahverkehrsanbieter in Deutschland aufgestiegen. An 40 Verkehrsunternehmen ist die Firma beteiligt, beschäftigt deutschlandweit rund 4250 Mitarbeiter. Etwa 250 arbeiten in Berlin.

Ein gutes Dutzend neuer Arbeitsplätze ist geschaffen. Weil nach der Konzentration der Buchhaltung in Berlin viele Mitarbeiter aus anderen Städten nicht mit umziehen wollten, hat Veolia neue Leute eingestellt. Da zeigte sich, sagt Sondermann, ein weiterer Vorteil der Stadt: „Auf dem Berliner Arbeitsmarkt gibt es ausgezeichnete Fachkräfte.“ So steuert Veolia von Berlin aus mit Berlinern seine deutschlandweiten Verkehrsaktivitäten.

Nicht alles klappte wie am Schnürchen: Bei der Übernahme des Verkehrs auf der Marschbahn zwischen Hamburg und Westerland auf Sylt machte das Unternehmen Verluste und rutschte in die roten Zahlen. Die Lokomotiven fielen zu oft aus, Verspätungen waren die Folge. Mehr Personal als vorgesehen musste eingesetzt werden – unter anderem, weil sich die Türen an den Wagen nicht von der Lokomotive aus öffnen und schließen ließen. Mit anderen Loks soll es jetzt besser laufen. Zudem war die Bahn AG, die den Verkehr abgeben musste, auf die Idee gekommen, dort plötzlich zu bauen, was zu Verspätungen führte.

Auf dem Berliner Nahverkehrsmarkt Fuß zu fassen, ist nicht leicht. Die BVG soll nach dem Willen des Senats das Monopol bis 2020 behalten. Bei der S-Bahn will das Land dagegen die Nord-Süd-Strecken demnächst ausschreiben lassen. Wie stehen da die Chancen für Veolia? „Ein privates Unternehmen hat nur eine Chance, wenn es eine langjährige Vertragsdauer gibt“, sagt Axel Sondermann.

Bleibt der Regionalverkehr mit den Expresslinien. Heute fahren die roten Doppelstockzüge noch unter Regie der Deutsche Bahn AG. Das könnte sich ändern, wenn auch diese Strecken im Wettbewerb stehen. 2012 soll es schließlich so weit sein. Dann könnte der Veolia-Chef von seinem Büro direkt am Bahnhof Friedrichstraße auf seine eigenen Züge blicken. Und die verbinden Berlin und Brandenburg.

Die Serie finden Sie auch im Internet unter www.tagesspiegel.de/chancen

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