Berlin : Die Angst des Doppelgängers

William Hall ist Michael Jackson – für 15 Minuten am Tag. Nach dem Skandal um sein Vorbild hat er pausiert. Nun tanzt er wieder

Tanja Buntrock

Dieser Novembertag war ein Thriller für William Hall. „Oh nein, nicht schon wieder“, dachte der Enddreißiger, als er erfuhr, dass ein Großaufgebot von Polizisten Michael Jacksons Anwesen in Kalifornien durchsucht hatte. Denn Hall ist Michael Jackson – jedenfalls sechs Tage in der Woche für 15 Minuten. Dann verwandelt sich der dunkelhäutige Künstler aus San Antonio/Texas mit viel, viel hellem Make-up in den porzellanhäutigen Popstar, der nun beschuldigt wird, einen zwölfjährigen Jungen sexuell missbraucht zu haben.

Hall, alias Michael Jackson, ist eine der tragenden Figuren der Doppelgänger-Show „Stars in Concert“, die seit über sechs Jahren im Festival-Center des Neuköllner „Estrel“-Hotel läuft. „Ich wollte nach dem Wirbel um Jackson selbst gar nicht auftreten. Wer weiß schon, wie das Publikum reagiert hätte“, sagt William Hall. Die Vorstellung, dass er mitten im „Moonwalk“ – dem Jackson typischen Tanz – von den Zuhörern ausgebuht oder gar mit Gläsern beworfen werden könnte, lag ja nicht ganz fern.

Mittlerweile ist Hall wieder bei der Show dabei. Die „Jacko“-Schlagzeilen sind größtenteils von den Titelseiten verschwunden. Der Popstar kam gegen drei Millionen Dollar Kaution auf freien Fuß, und mit der Beweislage scheint es momentan recht mau auszusehen. „Ich bin nach der einwöchigen Pause erst einmal mit ungutem Gefühl aufgetreten“, gesteht Hall. Wie werden die Leute gleich reagieren?, hat er sich gefragt, bevor er sich den paillettenbesetzten Handschuh überstreifte und sich bei „Billy Jean“ den schwarzen Hut tief in die Stirn zog.

Keine Buh-Rufe, keine Bühnen-Erstürmung. „Ich hatte das Gefühl, dass das Publikum mich noch mehr als sonst unterstützt. Die Zuhörer waren überraschenderweise begeistert. Ich denke, die Leute sind sicher, dass nicht viel dran ist an den Vorwürfen“, sagt Hall. Und er selbst? „Im Zweifel für den Angeklagten“, erwidert er. So neu seien die Beschuldigungen ja nicht. Schließlich gab es vor zehn Jahren schon einmal Missbrauchs-Vorwürfe gegen den Popstar. Die damals schon von US-Staatsanwalt Thomas Sneddon erhoben wurden, der auch diesmal die Ermittlung leitet. Deshalb glaubt Hall, dass Sneddon hinter diesen zweiten Anschuldigungen steckt. „Der hat ein persönliches Problem mit Michael.“

Allerdings findet auch er, dass Jacksons Marotten ebenso seltsam seien wie die ständigen Gesichtsoperationen. Wobei die jüngsten keinen Einfluss mehr auf die Maske von William Hall haben. Leichter wäre es für Jackson, wenn er sein Leben ändere, sich mehr in die Gesellschaft eingliedere, glaubt Hall. „So kann er jedenfalls nicht weitermachen.“

Ansonsten interessiert sich Hall, der in Neukölln wohnt, nicht sonderlich für Jacksons Privatleben. „Es ist mein Job, ihn zu imitieren – mehr nicht.“ Damit verdient er seit mehr als 20 Jahren sein Geld. Damals, Mitte der achtziger Jahre, als er mit seinen Freunden in Texas begonnen hat, Musik zu machen, da galt Michael Jackson als Künstler schlechthin: Seine Lieder wurden rauf und runter gespielt. Die Art, wie er tanzte, all das beeindruckte Hall so sehr, dass er anfing, den King of Pop zu imitieren.

Doch das will er nicht sein Leben lang machen. Hall versteht sich als Musiker. Hip-Hop ist seine Leidenschaft. Er arbeitet an einer eigenen CD und demnächst werde er – das sei schon sicher – Lieder von Xavier Naidoo und sogar von Herbert Grönemeyer remixen. „Männer“ mit Jackson-Kiekser also nicht ausgeschlossen.

„Stars in Concert“ ist zu sehen im „Estrel“- Festival-Center. Sonnenallee 225, in Neukölln. Tickets und Informationen gibt es unter der Tel. 68316831. Die Show läuft immer montags bis sonntags um 20 Uhr.

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