• Die Angst vor dem großen Loch - Unter den Linden fehlt der Platz für die Riesenbaustelle

Berlin : Die Angst vor dem großen Loch - Unter den Linden fehlt der Platz für die Riesenbaustelle

Klaus Kurpjuweit

Ein Gespenst geht um in Berlin - das Gespenst einer Monsterbaustelle im Zentrum der Stadt, die den Verkehr und die Geschäfte rings herum auf mindestens eineinhalb Jahre lahm legen wird. Hervorrufen wird dies nach Ansicht von Kritikern der - noch - geplante Bau der Verlängerungsstrecke der U-Bahn-Linie U 5 vom Alexanderplatz zum Pariser Platz. Auf der anderen Seite stehen die Planer, die von einer der "schonendsten" U-Bahnbaustelle sprechen, die es bisher in der Stadt gegeben habe.

Zu den entschiedensten Befürwortern einer Verschiebung des U-Bahnbaus um mehrere Jahre gehört das etwa 200 Meter von der Hauptbaustelle an der Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße entfernte Kulturkaufhaus Dussmann. Das Unternehmen beziffert den durch die Baustelle bei ihm entstehenden Schaden auf 25 Millionen Mark. Geschäftsführer Hartwig Schulte-Loh sieht eine 140 Meter mal 120 Meter große Baugrube im Kreuzungsbereich in die Tiefe wachsen, die den anliegenden Geschäften und Hotels die Existenzgrundlage gefährden oder gar nehmen werde. Die Linden sind aber nur 60 Meter breit, die Friedrichstraße gar ist noch viel schmaler. Ein solches Riesenloch kann dort gar nicht entstehen.

Die Planer wollen für den Neubau von Bahnsteigen an der bestehenden U 6 die Friedrichstraße südlich der Linden auf 110 Meter Länge aufbuddeln. Deshalb soll dieser Abschnitt etwa 18 Monate lang für den Autoverkehr gesperrt werden; die Umleitung würde über die Charlottenstraße erfolgen. Für Fußgänger würde es auf beiden Seiten der Baustelle weiter Gehwege geben. Zudem sind in diesem Bereich ohnehin Arkaden außerhalb der Baustelle vorhanden.

Für den Bahnhof der U 5 wollen die Planer im Kreuzungsbereich ein insgesamt etwa 50 Meter mal 50 Meter großes Loch ausheben, abschnittsweise auf der Süd- und Nordseite der Linden-Fahrbahn. Der Ost-West-Autoverkehr würde dann jeweils auf der anderen Seite mit zwei Fahrspuren je Richtung abgewickelt. Zu sehen wäre so immer eine kleinere Grube, die schnell mit der späteren Tunneldecke geschlossen werden soll. Fußgänger könnten die Kreuzung, so versprechen die Planer, jederzeit auf jeder Seite passieren. Die weiteren Bahnhofsanlagen für diese Station würden - wie die anderen entlang der Strecke - im Vereisungsverfahren hergestellt; ohne Auswirkungen an der Oberfläche. Die Straße müsste nur für die Versorgungsleitungen aufgerissen werden.

Bausenator Peter Strieder (SPD), dessen Mitarbeiter diese Pläne entwickelt haben, spricht von einer "Operation am offenen Herzen" an einer der empfindlichsten Stellen der Stadt und schlägt vor, den Bau der U-Bahn um zehn Jahre zu verschieben. Dann müsste allerdings das gesamte Planungsverfahren neu aufgerollt werden; die 1999 erteilte Genehmigung gilt nur fünf Jahre.

Für den sofortigen Bau spricht sich dagegen der verkehrspolitische Sprecher der CDU, Alexander Kaczmarek, aus. Er befürchtet, dass die Geschäftsleute auch in zehn Jahren den Bau ablehnen würden. Bereits 1996, als der damalige Bausenator Jürgen Klemann (CDU) im Zug der Bauarbeiten rings herum den Bau des Bahnhofes Unter den Linden vorziehen wollte, hatten sich die Geschäftsinhaber dagegen ausgesprochen. Für nachgewiesene Einbußen haben sie dabei einen Anspruch auf Schadenersatz.

Finanzsenator Peter Kurth (CDU) will den Bau ebenfalls verschieben, allerdings, um im Landeshaushalt Geld zu sparen. Dabei steuert Berlin nur einen Bruchteil der Kosten, die auf insgesamt 1,3 Milliarden Mark veranschlagt sind, selbst bei. Der Löwenanteil stammt vom Bund. Geld, das in diesem Jahr nicht ausgegeben werden kann, würde sogar an den Bund zurückfließen. Umschichten, zum Beispiel in die Sanierung von Schulen, lässt es sich nicht.

Der Bau wäre jetzt durchfinanziert, argumentieren die Planer, die gleich loslegen wollen. Ob es in zehn Jahren oder später für einen Neubau wieder Geld geben würde, bezweifelt der parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Siegfried Scheffler (SPD). Nach seiner Ansicht muss in den kommenden Jahren das meiste Geld in die Unterhaltung vorhandender Strecken gesteckt werden. Auch der Bund trat bisher für einen schnellen Baubeginn ein. Im Hauptstadtvertrag hat er für die U 5 295 Millionen Mark beigesteuert, die zum großen Teil bereits für den im Rohbau fast fertigen Abschnitt vom Lehrter Bahnhof zum Pariser Platz ausgegeben worden sind. In die Berliner Diskussion wolle man sich jetzt aber nicht einmischen, sagte Ministeriumssprecher Rainer Knauber. Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD) habe Verständnis für die Sorgen der Geschäftsleute.

Derzeit wird für den Abschnitt vom Alexanderplatz zum Lehrter Bahnhof eine neue Kosten-Nutzen-Rechnung erstellt. Die Planer sind überzeugt, dass dabei ein positiver Wert herauskommen wird. Auf der rund vier Kilometer langen Strecke gäbe es bei insgesamt sechs neuen Bahnhöfen nämlich drei weitere Umsteigestationen im Schnellbahnnetz: zur U 6 und unter dem Pariser Platz zur Nord-Süd-S-Bahn sowie am Lehrter Bahnhof zur S-Bahn und zur Regionalbahn. Damit würden sich die Fahrzeiten für viele Fahrgäste erheblich verkürzen.Diskutieren Sie mit im Internet

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