Berlin : Die Angst vorm „Neuen 11. September“

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Von Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Bagdad ist gefallen“, titelten auch die türkischen Zeitungen am Donnerstag. Doch so richtige Freude über das Ende des Krieges wollte bei ihnen nicht aufkommen. „Die Nord-Irak-Krise steht direkt vor unserer Tür“, hieß es an diesem Tag auf der Titelseite der Tageszeitung Türkiye außerdem. Am Freitag berichtet die Hürriyet, dass kurdische Kämpfer in Kirkuk einmarschiert und Tausende von Kurden ihnen gefolgt sind. Außenminister Abdullah Gül habe seinen US-amerikanischen Amtskollegen Colin Powell angerufen und ihm gesagt, die Amerikaner sollten dies verhindern: „Wenn ihr es nicht alleine schafft, können wir helfen“, zitierte die Zeitung Gül in der Überschrift. Dazu zeigten die Zeitungen seitenweise Bilder von den Plünderungen.

Um das ganze Dilemma der Türken im Moment zu verstehen, muss man jedoch die unzähligen Kommentare der letzten Tage lesen, die alle in die gleiche Richtung gingen. „Gestern haben wir uns überlegt, welche Überschrift wir der Titelseite geben sollten. Ich habe vorgeschlagen: Der Kurde und das Erdöl sind zusammengekommen“, begann ein Schreiber der Hürriyet seinen Text. Dann wurde er ernst: „War das nicht der Alb-Druck der türkischen Außenpolitik der letzten 50 bis 60 Jahre? Also ein durch Erdöl entstandener unabhängiger kurdischer Staat?“ Ein anderer Kommentator schrieb, nachdem Außenminister Gül erklärt hatte , dass die Türkei im Moment nicht vor hat, in Nord-Irak einzumarschieren : „Nein mein Herr. Das entscheiden nicht wir. (…) Die Türkische Republik hat alle Fäden aus der Hand verloren.“ Die Autoren der Türkiye sehen die Amerikaner sogar als Besatzer eines islamischen Landes. Der eigentliche Krieg beginne erst jetzt, schrieb ein Kommentator. „Neue 11. September“ sagte ein anderer voraus.

Alle Schreiber waren sich einig, dass alles anders gekommen wäre, wenn die Türkei die Stationierung von amerikanischen Soldaten an der irakischen Grenze erlaubt hätte. Das Parlament hatte dies abgelehnt, weil die meisten Türken gegen den Krieg sind. Nun ist der Katzenjammer groß. „Dann würden jetzt in Kirkuk und Mossul türkische Fahnen wehen“, hieß in der Türkiye am Donnerstag.

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