Berlin : Die Animateure

400 Galerien für zeitgenössische Kunst wetteifern um die Gunst der Sammler – Tendenz steigend

Christiane Meixner

Wenn in Berlin die Bagger kommen, war die Kunst meist schon da. Als Mieter auf Zeit, kultureller Hausbesetzer oder Stadtguerilla, die ein Terrain belegt und markiert – bevor der Ort durch gründliche Sanierung gezähmt wird. Wenn sich dann allerdings ein Hotspot entwickelt, ziehen bald auch Cafés und alle möglichen anderen Läden dort hin.

Die Kunst als Motor einer kulturellen Aufwertung: Das lässt sich schwer in Zahlen fassen, ist im Stadtbild aber sichtbar. Viele Adressen in Mitte, Kreuzberg oder Prenzlauer Berg haben solche Prozesse hinter sich. So gab es in der Schlesischen Straße ein Quartiersprojekt mit günstigen Mieten für Off-Galerien und andere Geschäftsideen. Inzwischen sind mit Vilma Gold aus London, Peres Projects aus Los Angeles oder jüngst der Münchner Galerie Zink größere Fische aus dem Kunstbetrieb zugezogen, die renommierte Künstler ausstellen und damit auch ein potentes, internationales Publikum in die charmant unsanierte Gegend ziehen.

Berlin macht sich schick, und Berlins Galeristen haben einen nicht unerheblichen Anteil daran. So war es in den neunziger Jahren in der Auguststraße, die noch immer von ihrem Ruf als Laufmeile der Kunst zehrt. Und es setzt sich fort am Checkpoint Charlie, wo jüngst ein neues, vitales Kunstviertel entstanden ist. Nicht zuletzt dank Galeristen wie Raphael Jablonka, der im Herbst 2006 von Köln nach Berlin umsiedelte – obwohl er weltweit agiert und die Standortfrage für ihn nebensächlich sein dürfte.

Seine Künstler, verriet er in einem Interview, hätten ihn allerdings gedrängt: Sie finden die Plattform Berlin spannender. Dass sie bei weitem nicht die Einzigen sind, spielt keine Rolle. Schließlich hat sich die Galerie Jablonka nicht nur zentral an der Friedrichstraße niedergelassen. Dazu verfügt sie über imposante Räume in einem Fabrikgebäude, das zum Galerienhaus mutiert: Unten ist Julius Werner, der Sohn des legendären Kölner Galeristen Michael Werner, eingezogen, nebenan hat Talenteentdeckerin Klara Wallner riesige Räume belegt.

Überhaupt Fabriken: Der Trend im Kunstbetrieb geht derzeit zur Galerie im Kingsize-Format. Ob Guido Baudach und Max Hetzler im Wedding, Mehdi Chouakri in den Edison-Höfen oder Spielhaus & Morrison in einer 500 Quadratmeter großen Fabrikhalle neben dem Hamburger Bahnhof: Sie alle haben sich für neue Orte abseits der bewährten Quartiere entschieden und oft den Sprung aus Räumlichkeiten gemacht, die gerade einmal wohnungsgroß waren.

Doch vielleicht ist diese professionelle Expansion ein Zeichen dafür, dass man sich gegenwärtig positionieren muss. Geschätzte 400 Galerien für zeitgenössische Kunst aller Genres wetteifern in Berlin um die Gunst der Sammler und eines neugierigen Publikums, das zum Sammeln animiert werden soll. Nur wer hier positiv auffällt, hat langfristig Chancen auf dem rauen, vielfach unkalkulierbaren Kunstmarkt.

Von dieser einzigartigen Dichte profitieren momentan alle. Junge Galerien konzentrieren sich auf Künstler kurz nach dem Studium, die es noch zu entdecken gilt. Etablierte Galeristen bieten in ihren Hallen aufwendige Einzelausstellungen, die man eher in Kunsthallen oder -vereinen vermuten würde. „Es sind die Galerien Berlins, die der Stadt einen Platz auf der Weltkarte der Zeitgenossenschaft verschafften“, hat Heiner Bastian, Kunsthändler und ehemaliger Kurator der Sammlung Marx, die spezifische Situation der Hauptstadt eben noch einmal zusammengefasst.

Zu den großen, internationalen Galeristen gesellen sich die Spezialisten. Auktionshäuser wie die Villa Grisebach, Leo Spik oder Dr. Irene Lehr. Und, nicht zu vergessen, jene Galeristen, die ihre Arbeit auf eine Gattung fokussieren. Jan-Philipp Frühsorge widmet sich ganz der Zeichnung, während die Galerie Kicken in Mitte oder Argus in der Marienstraße hinter dem Berliner Ensemble reine Fotografie zeigt.

Auch ein Ort, den man kaum ein Epizentrum nennen kann. Doch die Gegend wird sich entwickeln, wenn Christian Boros seinen privaten Wohn- und Ausstellungsbunker an der Rheinhardstraße erst umgebaut hat: Ab Mitte des Jahres soll seine Sammlung hier auf mehreren tausend Quadratmetern öffentlich zugänglich sein. Schon jetzt hat sich in der Nähe das „Grill Royal“ angesiedelt – ein mondänes Restaurant am Wasser, an dem Thilo Wermke (Galerie Neu) und Stefan Landwehr (Sammler) beteiligt sind. Hier läuft der kulturelle Motor wie geschmiert.

Und die Szene diversifiziert sich. An die Stelle familiärer Nähe, wie sie anfangs auf der Auguststraße herrschte, ist eine Professionalisierung getreten. Dies spiegelt auch die jährliche Kunstmesse wider: Anfangs ein etwas verlorener Satellit am Standort Messe, ist das Art Forum längst perfekt in den Berliner Kunstherbst eingebettet. Richtig war auch die Fokussierung auf zeitgenössische Positionen: In den Kojen der Galerien wird nicht bloß Kunst im zweistelligen Millionenbereich umgesetzt. Darüber hinaus machen sich Sammler und Kuratoren hier schlau: Denn die Kunst ist, wie gesagt, in Berlin ja immer schon da – auch die der kommenden Jahre.

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