Berlin : Die Arbeit beginnt schon bei Neunjährigen

Das Anti-Gewalt-Training der Polizei für Schüler hat lange Wartezeiten. Das soll sich jetzt ändern

Otto Diederichs

Mit solchem Echo hatte Wolfgang Müller, der Leiter der Verhaltenstrainer an der Landespolizeischule, nicht gerechnet. Als er 1992 mit seinen Mitarbeitern begann, den Berliner Schulen ein Anti-Gewalt-Training anzubieten, ging eine Lawine auf sie nieder. Allein durch Mundpropaganda bekam Müller binnen eines Jahres über 500 Anfragen. Zuviel für die kleine Truppe, deren Hauptaufgabe darin besteht, Berlins Polizisten in Stress-, Kommunikations- und Verhaltensseminaren auf Bürgerfreundlichkeit zu trimmen. Mindestens drei Jahre Wartezeit müssen interessierte Lehrer einkalkulieren, es kann auch länger dauern.

Derzeit stapeln sich 1046 Anfragen auf dem Schreibtisch von Polizeihauptkommissar Müller. „Wir arbeiten gerade die vom Oktober 1999 ab“, sagt Müller, „das ist natürlich in höchstem Maße unbefriedigend.“ Mehr als rund 300 Veranstaltungen pro Jahr sind für das inzwischen 31-köpfige Team nicht zu schaffen. Auf eventuelle aktuelle Probleme an einer Schule können somit weder die Lehrer noch die Polizisten reagieren.

Deshalb sähe es der Coach der Verhaltenstrainer gern, wenn sich die einzelnen Polizeidirektionen mehr an der Anti-Gewalt-Arbeit beteiligten. Eine unverbindliche Aufforderung durch den früheren Polizeipräsidenten Hagen Saberschinsky wurde ignoriert; besonders beliebt war Saberschinsky bei seinen Beamten nicht. Das könnte sich bei seinem Amtsnachfolger Dieter Glietsch nun ändern. Auch ihm sind die derzeitigen Wartezeiten zu lang, und Glietsch gilt als sehr durchsetzungsfähig. Müllers Hoffnung auf Verstärkung und eine Ausweitung des Programms könnte also in Erfüllung gehen.

Wer dann doch den Zuschlag erhält, wird zu den rund dreistündigen Veranstaltungen eingeladen, die in den Seminarräumen am Alexanderplatz oder in der Spandauer Landespolizeischule stattfinden. Als die Polizisten vor zehn Jahren mit ihrer Arbeit begannen, dachten sie zunächst an Schüler ab 12 Jahren bis zur Berufsschule. Inzwischen beginnt die Anti-Gewalt-Arbeit schon mit Neunjährigen. Judogriffe lernen die Schüler dabei nicht, und auch Pistolen gehen nicht als Anschauungsobjekte herum. Müllers Ansatz ist ein anderer, er will die Kinder und Jugendlichen für Schwächere sensibilisieren und ihnen den richtigen Umgang mit Konflikten vermitteln – sie „zur Zivilcourage führen“. Also wird in den Seminaren viel diskutiert und mit Rollenspielen gearbeitet.

Viele Schüler erlebten Gewalt im Freundeskreis, bei Nachbarn und auch in der eigenen Familie, sagt Müller. Dennoch schätzt er den Anteil jener, die selbst gewalttätig werden, lediglich auf rund fünf Prozent. Diese würden nicht zuletzt durch die Presseberichterstattung „stark sichtbar“. Die Klassenrowdys interessieren die Verhaltenstrainer meist weniger. Da sei in kurzzeitigen Kursen meist ohnehin nicht viel zu machen, meint Wolfgang Müller: „Einen Diamanten schleift man auch nicht mit einem Mal.“ Primär müsse es darum gehen, jene Kinder und Jugendlichen zu stärken, die ein gewaltfreies Miteinander anstrebten.

Müller sagt, dass die Gewalt an den Berliner Schulen insgesamt eher rückläufig sei. Um aber eine seriöse Aussage machen zu können, sagt Müller vorsichtig, müsse man erst einmal zwei bis drei Jahre abwarten, denn „Gewalt kommt wellenförmig“. Auch welchen Erfolg seine Mitarbeiter bei ihren Seminaren haben, lasse sich kaum messen. „Wer das versucht, lügt sich was vor“, sagt er, „aber Prävention ist die vornehmste Aufgabe der Polizei.“ Anders als viele Kollegen ist Müller denn auch nicht der Ansicht, dass die Polizei hier als Ausputzer für das Versagen von Pädagogen und Sozialarbeitern einspringen müsse.

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