Berlin : Die Attacke aus dem Nichts

14 Jahre arbeitete der Polizist Egbert M. im Soldiner Kiez. Dann traf ihn eine Eisenstange in den Hals. An Versetzung denkt er nicht

Tanja Buntrock

Die Maße hat Egbert M. genau im Kopf: 50-190-6. Fünfzig Zentimeter lang war die Eisenstange, hundertneunzig Gramm schwer, sechs Zentimeter tief hat sie sich in seinen Hals gebohrt. Das war am 1. November 2003. Der Polizist hatte Glück: Die Stange verfehlte nur knapp die Schlagader. Zurück geblieben ist eine hellrote Narbe, die sich über die linke Seite des Halses von Polizeihauptmeister Egbert M. zieht.

Er ist kein Einzelfall: Immer öfter werden Berliner Polizisten Opfer von Gewalt (siehe Kasten). Was Egbert M. besonders zu schaffen macht: „Es war ein Angriff ohne jegliche Vorwarnung.“ Seit 14 Jahren arbeitet er im Soldiner Kiez in Wedding. Hier, wo im Laufe der Jahre türkische und arabische Großfamilien ganze Häuserzeilen übernommen haben. Hier, wo Schusswechsel, Schlägereien und Raubtaten fast zur Tagesordnung gehören. Wie im Januar vor zwei Jahren, als vorm Pizza-Lieferservice plötzlich Reifen quietschen und zwei Männer aus einem BMW springen: bewaffnet mit Maschinenpistolen und einem Säbel. Einer der Männer schießt – trifft aber nicht. Als die Polizei versucht, die Kontrahenten zu trennen, sind sich plötzlich wieder alle einig: „Das ist unser Kiez, und ihr habt hier nichts verloren!“ Passiert ist dem 48-jährigen Egbert M. noch nie etwas in den 14 Jahren. Bis er am 1. November gegen 20.30 Uhr mit seiner Kollegin im Streifenwagen an der Soldiner Straße Ecke Koloniestraße steht. Vorher hatte er gerade Knöllchen geschrieben. Als Egbert M. nach links in die Soldiner Straße abbiegt, „da knallt es plötzlich, die linke Scheibe an der Fahrerseite ist zerborsten, und ich spüre einen Druck am Kehlkopf“, erinnert sich der Polizeihauptmeister. „Nichts wie weg!“, ruft die Kollegin. Und Egbert M. fährt, ohne nachzudenken, fast mechanisch noch 50 Meter weiter. „Dann habe ich angehalten und gesehen, dass alles voller Blut ist.“ Er war danach neun Wochen krank geschrieben. Seit über einem halben Jahr ist der Polizeihauptmeister wieder auf Streifendienst im Soldiner Kiez. Es ist kaum ein Trost, dass einer der drei arabischstämmigen Tatverdächtigen zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Im Gerichtssaal musste er sich anhören, wie einer der Angeklagten, Mohammad N. (18), erklärt, dass er und seine beiden Kumpels Rabih Al-Z. (21) und Engin D. (19) in einer leer stehenden Wohnung, in die sie eingedrungen waren, plötzlich die Idee hatten, „die Polizei zu ärgern“. Da kam ihnen die Eisenstange, die zu einem alten Chromlehnen-Stuhl gehörte, gerade recht. Mohammad N. gesteht, die Eisenstange geworfen zu haben – „um die Sirene zu treffen“. Egbert M. sagt, er glaube den Jungen kein Wort. Er sieht die beiden, denen nichts nachgewiesen werden konnte, immer mal wieder im Kiez. Einmal, da tauchte das Gesicht von Rabih Al-Z. plötzlich am Fenster im Streifenwagen auf. Er habe nur gegrinst, gegrüßt, dann sei er wieder weggegangen, sagt Egbert M. „Für mich ist das aber kein Gesprächspartner“, sagt der Beamte. Das Schlüsselerlebnis aber hatte der Polizist im Frühjahr. Die jüngere Schwester des verurteilten Stangenwerfers Mohammad N. „hat mal wieder rumgespielt und den Notruf missbraucht“, erzählt Egbert M. Er sollte mit einer Kollegin der Familie nun einen Hausbesuch abstatten. „Da hab’ ich gedacht: Was erwartet mich jetzt wohl?“ Doch die anfängliche Unsicherheit sei sofort gewichen, „als ich die Armut, in der die dort hausen“, gesehen habe. „Das war eine Ernüchterung für mich, fast niederschmetternd“, sagt M. So etwas wie Mitleid könne er für den Täter und seine Kumpane aber trotzdem nicht empfinden.

In der Psychotherapie, die Egbert M. nach dem Angriff angefangen hatte, sei ihm klar geworden, dass es immer „leichter ist, wenn man seinem Gegner gegenüber steht“. Doch so sei er einfach nur hilflos gewesen, ohnmächtig, in irgendeiner Weise auf die Bedrohung zu reagieren. „Das Sicherheitsgefühl, das ich mir ja doch irgendwie in all den Jahren aufgebaut habe, war plötzlich weg.“ Das hat er durch die Therapie begriffen.

Sich nach dem Anschlag in einen anderen Bezirk versetzen zu lassen, kam für Egbert M. nicht in Frage. „Ich habe mir hier eine Position aufgebaut, kenne meine Kollegen und die Gegend. Das wollte ich nicht einfach so aufgeben“, sagt der Polizeihauptmeister. Attacke hin oder her – er habe keine Angst, sich als Streifenpolizist der Arbeit auf der Straße zu stellen. Möglicherweise, sagt er, „bin ich etwas umsichtiger geworden und schau einmal mehr nach links oder rechts.“ Dann denkt M. eine Weile nach und fügt noch hinzu: „Aber vielleicht ist das auch nur eine Alibi-Handlung, um mich selbst zu beruhigen.“

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