Berlin : Die ausgefallene Partylocation hat ausgedient und muß auf Butterfahrt gehen

Michael Zöllner

Wenn Schiffe ausgedient haben und in Rente gehen sollen, erwartet sie offensichtlich das gleiche grausige Martyrium wie die Menschen: Butterfahrten. Genauso ergeht es nun einer der ausgefallensten Partylocations der Stadt. Die MS Sanssouci mit der Anlegestelle Oberbaumbrücke fristet in Zukunft ihr Schicksal an der deutsch-polnischen Grenze als Verkaufsplattform für Heizdecken, Kaffeemaschinen und anderen Krimskrams. Wo noch bis Sonntag Salsa- und Jazz-Klänge zwischen Bug und Heck erklingen, wird in absehbarer Zeit hart um das letzte Stück Schwarzwälder Kirschtorte gekämpft.

Tom Ernst, der Noch-Geschäftsführer des schwimmenden Clubs, nimmt den neuen Aufgabenbereich der MS Sanssouci gelassen hin. "Natürlich bin ich wehmütig, dass wir schließen", sagt er. "Was der neue Eigner mit dem Schiff dann macht, ist mir aber wirklich egal."

Das klingt nicht unbedingt nach einer engen Bindung zwischen den fünf Eignern, von denen einer eben Tom Ernst ist, und ihrem hochbetagten Kutter. Immerhin haben sie dreieinhalb Jahre lang das ehemalige Ausflugsschiff der "Weißen Flotte" betrieben, es aus eigener Tasche finanziert und von der Kombüse bis zum Deck auf Vordermann gebracht. Neues Parkett wurde verlegt, ein Steg musste gebaut und Stromleitungen zum Schiff gelegt werden. Damit war aber längst noch nicht alles erledigt und bezahlt, so ein Schiff kostet mehr. "Allein für den Anlegeplatz mussten wir siebzehntausend Mark im Jahr zahlen. Dazu kamen Stromrechnungen von elftausend Mark alle zwei Monate und natürlich die Kosten für das Scheißeschiff, das zweimal die Woche vorbeikam und die Tanks leerte. Reich wird man dabei nicht."

Reich wurden die Betreiber auch deshalb nicht, weil das Schiff trotz größter Mühe nicht wirklich ein Renner unter dem Party-Volk wurde. Der Eindruck, dass man auf dem Kahn mit einer Deckenhöhe von ungefähr 1,85 m entweder klaustrophobische Zustände bekam oder vor Langeweile einging, hielt sich hartnäckig. So wurde das Schiff durchgehend als Flop gehandelt, auch wenn Tom Ernst das weit von sich weist. "Der Eindruck ist falsch. Von außen sah das Schiff manchmal recht unbelebt aus, weil sich die meisten Besucher unter Deck aufhielten. Und durch die Vorhänge sah man das nicht."

Ganz wichtig: keine Nachbarn!

Ob das Schiff nur von außen tot aussah, während unter Deck das Leben tobte, sei dahingestellt. Tatsache ist aber wohl, dass fünf Betreiber zu viele Mitstreiter sind. "Es war schwer, die verschiedenen Pläne unter einen Hut zu bringen", gibt auch Tom Ernst zu. "Der eine wollte eine Whiskey-Bar, der andere einen Sonntagnachmittags-Tanztee. Alle glaubten am Anfang, sie hätten ein neues, teures Spielzeug."

So war bis zum Schluss kein einheitliches Konzept erkennbar. Mal gab es Jazz- oder Salsa-Abende, dann einen Lesben-Club oder private Hochzeits-Veranstaltungen. Besonders undurchsichtig war die Preispolitik: Kamen die Besucher nachmittags zum Biergarten, zahlten sie keinen Eintritt, kamen sie hingegen abends, wurden bis zu zwanzig Mark verlangt. Und warum sollte das irgendjemand zahlen, wenn man am Urban-Hafen das Ganze umsonst haben kann?

Dabei hatten die Schiffseigner großes Glück mit ihrer Anlegestelle. Innerhalb der letzten zwei Jahre etablierte sich die Gegend um die Oberbaumbrücke zu dem Veranstaltungsort schlechthin. Zentrale Lage, gute U- und S-Bahn-Anbindung, und das Wichtigste: kaum Nachbarn. So zogen die aus Mitte vertriebenen Clubs nach Friedrichshain und siedelten sich dort an. Allen voran das "Matrix" in den S-Bahn-Bögen, das mit Billig-Techno ganze Scharen von Zahnarzthelferinnen und anderen Wochenend-Ravern anlockt.

Seitdem zusätzlich zweimal in der Woche das ehemalige Neuköllner "Rock it" die Matrix-Räume okkupiert, kommen auch Dienstag und Donnerstag die Charts-Nostalgiker, die sonst nur den nahe liegenden "Speicher" bevölkern. "Music and More" verspricht der "Speicher" am Wochenende, und das Gleiche trifft irgendwie auch auf das "Ostgut" in der Mühlenstraße zu.

Obwohl dieser Club zunächst so gut besucht war wie eine begehrte Telefonzelle in den Stoßzeiten, mauserte er sich innerhalb des letzten halben Jahres zu einem Zufluchtsort für die ehemalige E-Werk-Klientel. Den eher drittklassigen DJs des Hauses ist das allerdings kaum zu verdanken. Die meisten kommen eher aus Frustration, weil es etwas befriedigenderes als das "Ostgut" zurzeit nicht gibt. Und befriedigt werden insbesondere die Schwulen. So finden regelmäßig Hardcore-Sex-Partys im "Ostgut" oder im benachbarten "Laboratory" statt. Das führt jedoch zu überraschenden Koexistenzen und somit zu Unmut. Kommt man am falschen Abend, trifft einen entweder der Schlag oder man muss als Frau sowieso gleich draußen bleiben. Da die Gegend aber alles andere als tot ist, kann man dann immer noch das "Nontox" in der Mühlenstraße, das "Maria am Ostbahnhof" oder die "Busche", eine Schwulen-Disko mit Howard-Carpendale-Appeal, besuchen. Dass sich in dieser belebten Umgebung die MS Sanssouci nicht wirklich etablieren konnte, bleibt verwunderlich.

"Uns verging aber auch die Lust", sagt Tom Ernst. "Die Gäste wurden immer jünger und anstrengender. Sie kamen aufs Boot, klauten alles, was nicht angeschraubt war, beschmierten das Inventar oder zerstörten es gleich. Und dann gingen sie rüber zum Imbiss, um sich für ein paar Mark mit Bier dichtzukippen."

Seekrank mitten in der Stadt

Als im Juni dann ein Kaufangebot von einem Hamburger Makler kam, ging das sozusagen runter wie Butter. Also hieß die Losung: Butter bei die Fische und verkaufen. Wieviel sie für das Schiff bekommen haben und ob sie mit Gewinn oder Verlust aus der Sache rauskommen, bleibt ihr Geheimnis.

Wer allerdings ein letztes Mal mitten in der Stadt seekrank werden will, hat am Wochenende noch die Gelegenheit. Am Freitag gibt es einen Retro-Abend mit Musik aus den 60ern, Sonnabend den Chit Chat Club und am Sonntag die Abschlussveranstaltung mit Brunch und Party bis in die Nacht. Zwischendurch treten dann noch die zum x-ten Mal aus der Versenkung aufgetauchten Berliner "Lemonbabies" auf und bieten nette Liedchen von netten Mädchen. Dann warten auf die MS Sanssouci Heizdecken, entertainmentwillige Senioren und jede Menge Butter. Ahoi!

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