Berlin : Die Austauschmusiker

Die Band Berlin-Warszawa-Xpress vermittelt seit zehn Jahren zwischen Polen und Deutschland.

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Polnisch für Anfänger. Im Musikbunker in Tempelhof proben Paul Mainz, Christoph Schliski, Max Schneeweiß, Philipp Rieder (von links) und Sängerin Aleksandra Rieder-Kollesinska. Polnisch können die meisten allerdings nicht.
Polnisch für Anfänger. Im Musikbunker in Tempelhof proben Paul Mainz, Christoph Schliski, Max Schneeweiß, Philipp Rieder (von...Foto: David Heerde

„Powinnam byla wiedziec wczesniej, powinnam byla wiedziec lepiej.“ Bitte was?, fragten die Musiker zunächst. Polnisch konnten die meisten von ihnen nicht. Zehn Jahre später hat sich das geändert.

Die Zeile stammt aus dem Lied „Z toba tu“ (deutsch: Hier mit dir) der Band Berlin-Warszawa-Xpress um Aleksandra Rieder-Kollesinska. Die Sängerin ist in Warschau geboren und lernte den Bassisten der Band, Philipp Rieder, 1999 bei einem deutsch-polnischen Theater- und Musikaustausch in Krzyzowa in Niederschlesien kennen. Drei Jahre lang verband sie der Zug Berlin-Warszawa-Express miteinander – sie führten eine Fernbeziehung, bis Aleksandra 2002 nach Berlin kam. „Unser Bandname hat aber nichts mit dem Zug zu tun, es geht eher um eine sehr starke Verbindung zwischen diesen beiden Hauptstädten“, sagt Philipp Rieder, der als einziges Bandmitglied inzwischen einigermaßen fließend Polnisch spricht. „Ich lerne immer mehr Wörter dazu“, sagt Gitarrist Christoph Schliski, der inzwischen sogar ein polnisches Lieblingswort hat: Wskazówki. „Das heißt Hinweise. Und man betont es so schön!“, sagt er.

Wie geht das? Musik mit Texten, die niemand versteht? Ola, wie die Sängerin von den anderen nur genannt wird, schreibt die Texte. Die in Freiburg, Berlin und Leipzig geborenen Musiker liefern die rockigen Klänge dazu? „Häufig jammen wir zusammen“, erzählt Christoph Schliski. „Ola singt dann einige Wortfetzen dazu und selbst wenn wir das Gesungene noch nicht verstehen, kommt schon eine bestimmte Stimmung rüber und wir wissen, in welche Richtung das Lied gehen soll.“ Aleksandra Rieder-Kollesinska stört es nicht, dass ihre Bandmitglieder und auch viele ihrer deutschen Fans die gesungenen Texte nicht auf Anhieb verstehen: „Auch englische, französische oder spanische Lieder erschließen sich erst aus dem Kontext und der Melodie“, sagt sie.

Es ist nur so, dass die anderen Sprachen etablierter, dem Publikum vertrauter sind. Polnisch habe keinen besonders guten Ruf als Sprache, sagt Rieder-Kollesinska. „Das kann ich persönlich nicht nachvollziehen, denn für mich ist Polnisch eine sehr musikalische und melodische Sprache“, sagt die 32-Jährige. „Und ich kann mich in meiner Muttersprache einfach am besten ausdrücken.“

Anfangs hatte die Band es auch mit englischen Texten versucht. „Da sprang der Funke aber nicht über“, sagt Schliski. Mit Schokolade änderte sich alles. „Czekolada“ hieß ihr erstes Lied mit polnischem Text: Schokolade.

Trotz der Sprachbarriere hat die Band aber nicht nur polnische Fans. Natürlich spielt sie häufig auf polnischen Veranstaltungen in Berlin oder in Polen. „Wir haben im London Pub in Slubice gespielt, bei einem Kulturfestival in Opole und im Pub Koniec Swiata in Racibórz“, sagt Gitarrist Schliski. „Ich spiele gerne in Polen, das ist so, als ob man in den Urlaub fahren würde.“ Die Sängerin sieht Auftritten in Polen eher mit gemischten Gefühlen entgegen: „Für mich ist es etwas schwieriger, weil ich mich da beweisen muss. Die Menschen dort verstehen meine Texte, sie zeigen sofort eine Emotion.“ In Deutschland reagierten die Fans zumeist nur auf die Musik, das sei wesentlich einfacher.

Neuzugänge in der Band sind Max Schneeweiß, den Philipp Rieder im vergangenen Mai in der Kantine eines Krankenhauses angesprochen hatte, in dem sie beide arbeiteten. „Du siehst aus wie jemand, der Musik macht“, habe Philipp zu ihm gesagt. „Das fand ich sehr sympathisch und habe mir die Band mal angeschaut“, sagt der 23-Jährige. „Von der Musik war ich sofort begeistert.“ Paul Mainz ist erst seit kurzem in der Band: „Ich bin so etwas wie ein freier Mitarbeiter. Bei manchen Liedern braucht es Unterstützung von einem Bläser – das ist mein Job.“

Momentan nimmt die Band ihr drittes Album auf und ist auf der Suche nach einer Plattenfirma. Viele Kompromisse wollen sie diesbezüglich allerdings nicht eingehen. „Wichtig ist uns, dass wir so bleiben können, wie wir sind, und auch weiterhin unsere deutsch-polnische Musik spielen können“, sagt Rieder.

Ihren größten Auftritt in Berlin hatten sie bisher beim Jubiläumskonzert in der Osterkirche in Wedding. „Dort treten wir regelmäßig mit Orchesterbegleitung auf“, sagt Philipp Rieder. Auch beim Kulturfestival Wedding & Moabit und bei der Fête de la Musique trat die Band auf.

An ihre erste Gage erinnert sich die Band noch gut: „Wir traten bei einem Benefizkonzert am Köthener See im Spreewald auf und bekamen jeder selbst eingelegte Spreewaldgürkchen.“ Bardzo smaczne! Jessica Tomala

Berlin-Warszawa-Xpress tritt am 25. Januar, 19.55 Uhr, in der Osterkirche, Samoastraße 14, Wedding auf. Los geht’s um 19.55 Uhr, der Eintritt ist frei.

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