Berlin : Die Axt im Walde

Wer einen Weihnachtsbaum beim ProMarkt abgibt, bekommt einen Gutschein über zehn Euro. Das brachte zwei auf eine kühne Idee

Stefan Jacobs

Der Teufel muss Philip und Fabian geritten haben, als sie am Sonntagabend im Schutze der Dunkelheit Richtung Grunewald aufbrachen. Mit geschulterter Axt waren die beiden 13-jährigen Charlottenburger ausgezogen, zwei Bäumchen zu schlagen, um diese beim ProMarkt gegen Einkaufsgutscheine im Wert von je zehn Euro zu tauschen. Sie hatten die Werbung im Tagesspiegel gelesen – aber wohl nicht bis zu Ende, denn da war von „Ihrem alten Weihnachtsbaum“ die Rede, nicht aber von frisch geschlagenen aus dem Wald.

Im Angesicht des Dickichts erkannten die beiden Stadtkinder, dass die gemeine Grunewaldkiefer dem klassischen Weihnachtsbaum nur sehr entfernt ähnelt. Auch hatte eine glückliche Fügung sie auf ihrem Hinweg an zwei bereits entweihnachteten Nordmanntannen vorbeigeführt. Die beiden packten die Axt wieder ein und schleiften die Findelbäume heimwärts. Denn die Werbeaktion endet schon heute, aber Philips und Fabians Eltern wollen ihre Christbäume noch ein paar Tage stehen lassen.

Gestern Mittag trugen sie dann ihre Beute zum Ku’damm-Karree, durch die Glastür, die Rolltreppe hinauf, geradewegs in die CD-Abteilung. „Melden Sie sich beim Car-Hifi!“, empfiehlt ein Verkäufer. Philip und Fabian zirkeln ihre Tannen zwischen den CD-Regalen entlang, passieren die Computerabteilung, so dass die Nadeln sanft über Flachbildschirme streichen. Nun noch an den Fotoapparaten vorbei, die Treppe hoch und zwischen den Hifi-Anlagen entlang zum Autoradio-Einbauservice. Der Kollege öffnet die Hintertür zum Parkdeck, wo bereits ein gutes Dutzend ausgemusterter Bäume am Geländer lehnen. Eine besonders große Fichte sieht aus, als wäre sie vom vergangenen Jahr übrig geblieben, und auch die meisten anderen Exemplare sind solche, von denen man sich leichten Herzens trennt. Der Autoradiomann drückt Philip und Fabian ihre Gutscheine in die Hand, die Frau an der Kasse stempelt sie ab, das war’s. CDs wollen die beiden sich dafür kaufen. Aber nicht jetzt.

Auch Nestor Fracica hebt seinen Gutschein erst einmal auf. Der 32-jährige Kolumbianer hat gerade sein Tännchen in den ProMarkt an der Frankfurter Allee getragen und sich dabei Hände und Jacke ganz fürchterlich beschmiert. Fracica hat schon einen 25-Euro-Gutschein, den es zu einem Zeitschriften-Abo gab. So „spart“ er auf einen DVD-Player. Auch sein Baum sieht wie ein Schnäppchen aus – zumal im Vergleich zu dem Prachtexemplar, das schon in einer Ecke hinter dem Reklamationstresen lehnt. Mehr Bäume sind es bis zum Mittag nicht geworden. Doch dann nimmt der Andrang zu: Am späten Nachmittag meldet der Filialleiter schon über 15 Eingänge. Im Spandauer Geschäft sind es nur zehn, in Pankow 15, im Havelpark Dallgow gut 20 Exemplare. Die Filiale am Kurfürstendamm hat mit rund 40 Bäumen das meiste Holz vor der Hütte.

Auch unter den Mitarbeitern hat sich die Aktion im Laufe des Tages herumgesprochen, aber was mit den Bäumen passiert, weiß niemand so recht. Der große Chef sei auf Dienstreise und die Pressesprecherin im Urlaub, heißt es in der Zentrale. Der Geschäftsführer der Ku’damm-Filiale vermutet eine Entsorgung durch Stadtreinigung oder Zoo-Elefanten. Letztere mögen allerdings nur ganz saftige Zweige. Über fällfrische Bäume aus dem Grunewald hätten sie sich sicher sehr gefreut.

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